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Samstag, 25. März 2023

Ein Dutzend Fragen an Anton SERKALOW - Das Interview


 Ein Dutzend Fragen an ANTON SERKALOW


Anton Serkalow (Pseudonym)  [as] (geb. 1968) - als Verfasser von Taschenbüchern und Ebooks bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten. Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 22. März 2023 geführt.


KJR: Ich habe einige Werke aus Ihrer Feder mit Interesse und Gewinn gelesen. Dabei entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden Belletristik darunter auch einige Western. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schreiben Sie Wildwestromane? Erzählen doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen Werdegang?

AS: Ich fange mal spät an, da es Anton Serkalow als Autor erst seit knapp 2016 gibt. Vorher habe ich viele Jahre unter meinem bürgerlichen Namen veröffentlicht, aber ganz andere Sachen. Zum Schreiben gekommen, bin ich aber ganz klassisch, weil ich bestimmte Sachen lesen wollte, die ich irgendwie nicht in die Finger bekam. Als Jugendlicher in der DDR wollte ich was mit Apachen lesen. Gab es nicht, also habe ich damals angefangen, mit dem Füllfederhalter mein erste eigene Wild-West-Geschichte in ein liniertes Schreibheft zu schreiben.

2016 als Anton Serkalow wollte ich nach der Lektüre von „Niceville“ von Carsten Stroud, wieder so einen abgedrehten Genremix aus Western, Horror, Twin Peaks etc. lesen. Gab es nicht, also habe ich die „Vakkerville Mysteries“ geschrieben und veröffentlicht. Später las ich, dass es von Robert McCammon (der mit seinen fantastischen, historischen Romanen um Matthew Corbett auch in Deutschland ganz erfolgreich ist) eine Geschichte „I travel at Night“ gibt. Über einen Gunslinger, der ein Vampir ist und so durch den Wilden Westen zieht. Nun reicht mein Englisch gerade mal für ein paar „Jonah Hex“ Hefte, wo Lansdale die Texte geschrieben hat, aber das Genre Western, bzw. Western gemixt mit anderen Elementen, wollte ich weiter lesen, also habe ich die „Nighthunter“ geschrieben und veröffentlicht.

KJR: Neben Western haben Sie Bücher geschrieben, die anderen Genres der unterhaltenden Literatur zuzuordnen ist. Welche Schwerpunkte setzen Sie hier und wie sehen Ihre weiteren Pläne für abenteuerliche Geschichten oder unterhaltende Belletristik aus? Sind hier Überraschungen zu erwarten?

AS: Ich sehe da gar nicht mal so große Unterschiede. Der Oberbegriff der Geschichten ist „Fantasy“ oder „Fantastik“. Wobei ich da sowieso schon eine andere Sichtweise als fast alle Literaturtheoretiker*innen habe. Für mich ist im Grunde jeder Roman, jede erzählte Geschichte Fantastik. Auch die, die behaupten, authentisch zu sein. Wenn es keine Reportage, kein Interview, keine Dokumentation ist, ist es Fantastik. Eine erzählte Geschichte. Denn das tun wir Menschen. Wir erzählen uns eine Geschichte. Selbst das Paar, das vor dem Architekten sitzt, der ihr Eigenheim planen soll und ihm erzählen, wie sie sich das Kinderzimmer, für das noch nicht gezeugte Kind vorstellen … sie erzählen eine Geschichte. Fantasie. Vorstellung. Träume.

Der Schwerpunkt der Geschichten, die ich erzähle, liegt aber immer darin, dass ich in meinen Settings das Übernatürliche, als gegeben hinnehme. Was streng genommen, die Umschreibung für das Genre „Horror“ ist. Ich denke bei „übernatürlich“ aber nicht unbedingt nur an Monster und Dämonen. Sondern auch an Traumwanderer, Magie, Vorhersehung, Seelenverwandschaft etc. Insofern sind keine Überraschungen zu erwarten, da ich jetzt erst einmal für den BLITZ Verlag eine Serie nach „Lovecraft Motiven“ konzipiere, die im heutigen Deutschland spielt, also den „Wilden Westen“ zunächst verlasse aber dem Fantastischen treu bleibe.

KJR: Western bilden einen gewissen Schwerpunkt Ihrer Arbeit. In jüngerer Zeit schrieben Sie häufiger Romane, deren Handlung thematisch bestimmten Schwerpunkten zugeordnet werden kann. Wo sehen Sie die Vorteile und was hat Sie dazu getrieben, Western zu schreiben?

AS: Am Western reizen mich als Geschichtenerzähler mehrere Dinge: Vorab muss ich erklären, dass ich den den Begriff „Western“ bzw. „Wilder Westen“ übrigens sehr eng fasse: Also so von ca. knapp vor Beginn des Amerikanischen Bürgerkrieges, bis knapp an den Anfang des 20sten Jahrhunderts. Sagen wir mal, als Geronimo sich mit dem Auto fotografieren ließ, war es vorbei. Auf dieser Grundlage, stellt sich mir der „Wilde Westen“ als eine Episode in unserer Geschichte dar, in der auf relativ geringem Raum (global betrachtet) und innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne (erdgeschichtlich betrachtet), so viele extrem unterschiedliche Lebensweisen, Ansichten, Entwicklungsstand, Religionen und und und aufeinandergeprallt sind. Ich sage nur: Beginnendes industrielles Zeitalter trifft auf steinzeitliche Jäger- und Sammlerkultur. Menschen sind aus dem fortschrittlichen, teilweise demokratischen Europa ausgewandert und haben da drüben teilweise feudalistische Zustände geschaffen usw. Viele sind wahrscheinlich wirklich mit hehren Absichten rüber gegangen aber … das Land hat ihr Innerstes aus ihnen herausgeholt und das war leider nicht immer das positivste am Menschen.

Das bietet unendliches Konfliktpotential. Und Konflikte, innere wie Äußere und die Auseinandersetzung mit beiden, sind die Motoren spannender Erzählungen.

Das nächste ist, dass der „Western“ als Erzählung für mich so herrlich archaisch und damit auch ursprünglich ist. Der Western ist Shakespeare in Reinform. Ach, was sage ich? Im Grunde ist der „Western“ganz nah an der griechischen Tragödie, die wiederum zusammen mit der Komödie, die Grundlage aller Erzählweisen ist, derer wir uns noch heute bedienen. Ja, sagen wir statt „Archetypen“ „Klischees“, na und? Beides dient im erzählerischen nur der Vereinfachung. Statt stundenlangem Rumgelabber, kann ich schnell auf den Punkt kommen. Show don’t tell ist eine der wichtigsten Schreibregeln, die im „Western“ sehr gut angewandt werden kann. Und andererseits kann man mit diesen Klischees eben auch herrlich spielen. Sie brechen.

Was mich noch am „Western“ fasziniert ist, die Tatsache, dass der Mythos des „Western“ schon erzählt wurde, als der „Wilde Westen“ noch existierte. Es gab Dimenovels über Wild Bill Hickok, in denen erzählt wurde, dass er X-hundert Leute erschossen hat. Dabei waren es „nur“ sieben. Und Hickok hat noch gelebt. Ich meine, die Leute hätten sich ohne weiteres über die Wirklichkeit informieren können, doch sie haben lieber das geglaubt, was ihnen Buffalo Bill in seinen Shows gezeigt und diverse Autoren in den Dimenovels erzählt haben. Da sind wir doch ganz nah dran an „Fake News“ und sog. „alternativen Fakten“. Genau unter diesem Gesichtspunkt finde ich den Western hochaktuell. Aber grundsätzlich reizt mich als Autor dieses Spiel mit der Realität und den Legenden immer. Denn, wie ich schon oben schrieb, jede Erzählung, jede Geschichte ist letztendlich nur das. Eine Geschichte. Niemals ein Abbild der Wirklichkeit und schon gar nicht diese selbst.

KJR: ‚Weird Western‘ – dazu gibt es eine umfangreiche englischsprachige Enzyklopädie von Don Green – sind mir in deutscher Sprache erstmals mit Romanen wie Thomas Mayne Reids „Der Reiter ohne Kopf“ (The Headless Horseman) bzw. der schönen Geschichte Will Henrys „Der Geisterwolf vom Thunder Mountain“ begegnet. Später gab es dann im Bereich der Romanhefte Grusel- und Geister-Western. Wie sind Sie dazu gekommen, selbst ‚Weird Western‘ zu schreiben, was fasziniert Sie an diesem Subgenre und wo liegen Ihre Vorbilder im Bereich des Western?

AS: Als ich die „Nighthunter“ Serie damals konzeptionierte, war dies zunächst tatsächlich so etwas wie Faulheit. Ich wollte Fantasy schreiben, aber nichts, was mit Mittelalter, Elfen, Orks und ähnlichem zu tun hat. Weil mich das als Leser langweilte, dass es da tausendjährige Reiche gibt, in denen aber kein technischer Fortschritt stattfindet. Brandon Sanderson war der erste Autor, den ich las, der genau das kritisierte und eine seiner Stories in einem Setting ansiedelte, dass eine Mischung aus Wild West und beginnender Industrialisierung, mit Gewerkschaften etc. darstellte.

Mit dem „Wilden Westen“ bot sich mir eine ziemlich exakt dokumentierte Welt, in der ich an einem Punkt eine kleine Änderung vorgenommen habe. Ich setze in meiner Serie voraus, dass es das „Übernatürliche“ gibt. Die ausgewanderten ehemaligen Europäer haben es längst verloren, die Kirche, die Inquisition hat es ihnen „ausgetrieben“. Und auf der anderen Seite stehen die Stämme, deren Medizinfrauen und Männer tatsächlich Magie beherrschen. Es gibt all die guten und bösen Geister und Dämonen aus den Mythen der Natives. Es gibt unverwundbare Krieger und Donnervögel … so habe ich für meine Serie ein Ausgangsszenario geschaffen, in dem all die historisch verbürgten Konflikte zwar vorhanden sind, aber gerade ein sehr fragiles Gleichgewicht existiert.

Die Idee dazu habe ich aus der Comicserie „East of West“, eine postapokalyptische Wild-West-Story mit Fantasy - und Horrorelementen, in denen der sog. „ewige Stamm“ eine Mischung aus Magie und Mikroelektronik, Cyberspace und Cyberwaffen beherrscht, was ihn sehr mächtig macht. Das erinnerte mich an „Wakanda“ aus dem Marveluniversum und ich finde einfach, dass den Natives langsam mal eine andere Rolle zugedacht werden sollte, als bisher. Auch wenn das arrogant erscheinen mag, weil da jetzt der unbedeutende Anton Serkalow aus Deutschland daherkommt und ...

KJR: Der traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos gesehen (z.B. Peter Bischoff). Ähnliches klingt auch schon bei Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?

AS: Ich würde schon sagen, dass es das voll auf den Punkt bringt. Der Western als solcher hat ja den Gründungsmythos überhaupt erst möglich gemacht. Durch die Shows von Buffalo Bill, die ja Grundlage der späteren Hollywoodwestern waren und all der Dime Novels, gelang es meiner Meinung nach überhaupt, das Schreckliche zu ertragen, das Gewissen reinzuwaschen. Ich denke, dass auch damals viele Menschen gelebt haben, die irgendwie gespürt haben, dass es nicht richtig ist, was sie tun. Und die Mythen, die sie sich damals schon erzählten, dass die „Indianer“ eben keine Menschen sind, dass man Schwarze überhaupt nicht vorkommen lässt, dass „gottgegebene Recht“ dieses Land zu besiedeln usw., dass die es eben mit möglich machten, den Völkermord und die Unrechtmäßigkeit der Sklaverei neben vielen anderen Verbrechen, zu verdrängen, zu rechtfertigen. Sich schön zu reden.

Ich kenne das aus Namibia, zu dem ich mehr Bezug als zu den USA habe. Noch heute erzählen sich viele weiße, deutschsprachige Leute dort eine Geschichte von dem „Krieg“ mit den Nama und den Herero, die soweit weg von der Realität ist und reden lieber darüber, dass ja die Deutschen mit ihrer Ingenieurskunst erst Brunnen gebaut und Diamanten abgebaut haben … So erzählt der Western halt von den Pionieren, die das Land besiedelt haben, die Zivilisation aufgebaut haben und verschweigt, bzw. färbt den Genozid, die Sklaverei, die Menschenrechtsverletzungen, die feudalistischen Auswüchse und und und … schön.

Ich habe das Gefühl, dass der Western da tatsächlich ein Paradebeispiel an „alternativen Fakten“ ist. Nehmen wir doch nur mal die Tatsache, dass wir heute wissen, dass mindestens zwei Drittel der Cowboys nicht weißer Hautfarbe waren. In wie vielen Western wurde das denn bisher so dargestellt? Insofern, ja. Der Western ist wichtig für den amerikanischen Gründungsmythos.

In meinen Augen gibt es z.B. unter anderem auch deswegen keinen „historischen“ Western. Denn die Quellen auf die wir zugreifen können, sind bereits durch den Blick der Autoren, die zum größten Teil eben wirklich weiß und männlich waren (im wahrsten Sinne des Wortes) eingefärbt. Der Anspruch historisch authentisch zu schreiben ist in meinen Augen eine Illusion. Darum finde ich es reizvoller mit eben den Mythen zu spielen, sie zu zerstören, neu anzuordnen. Wir sollten heute den Western von all diesen Lügen „reinigen“, bzw. wenigstens als Autor*innen mit ihnen spielen, statt sie weiterhin ungefiltert nachzukauen. Der Western ist ein Märchen für Erwachsene. Nicht mehr und nicht weniger. (Das stammt nicht von mir, aber ich bin mir nicht sicher, von wem es ist. Sergio Leone?) Bei den von den Gebrüdern Grimm gesammelten und veröffentlichten Märchen kommt doch auch niemand auf die Idee, zu behaupten, er hätte die historischen Wahrheiten gefunden und schreibt deswegen jetzt eine historisch-korrekte Version von z.B. „Rotkäppchen“, oder?

KJR: Neben traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska) und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von solchen Randerscheinungen des Genres und schreiben Sie selbst so etwas?

AS: Na ja. Allein dadurch, dass ich mich ja dem „Weird Western“, also Western mit Horrorelementen verschrieben habe … grundsätzlich bin ich sehr für Genremischungen, Grenzsprenungen und das Verlassen von Schubladen. Ja, ich weiß, ich habe oben gesagt, dass ich den Western sehr eng definiere. Darum bin ich der Meinung, wenigstens ein paar Elemente sollten bleiben. Landschaft z.B., die meiner Meinung nach extrem wichtig für das Storytelling eines Western ist. Darum mag ich z.B. nicht von „Südwestern“ sprechen, wenn ich Stories lese, die im damaligen sog. „Deutsch Südwest Afrika“, also dem heutigen Namibia spielen. Dort lagen ganz andere Voraussetzungen vor, die eben meiner Meinung nach für den Western aber wesentlich wären. (Siehe wieder meine Aussage oben.)

KJR: Immer wieder wird z.B. im Internet oder an anderer Stelle eine Krise des Western bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Wie schätzen Sie die derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben von Western widmen möchte?

AS: Puh. Das ist schwer. Also … ich habe mittlerweile auch Kontakt zu amerikanischen Westernautoren und weiß, dass das Genre auch in seinem Herkunftsland nur noch ein Nischengenre ist. Was sich da aber immer noch rechnet, da der englischsprachige-amerikanische Markt eben um so viel größer ist, als der deutschsprachige. Für hier, also für Deutschland sehe ich das schon so: Der „Western“ ist nicht das Gerne, dass in Deutschland den meisten Umsatz bringt. Nicht als Buch, nicht als Comic und auch nicht als TV-Serie oder Film, da wir da ja eh so gut wie keine Eigenproduktionen haben.

Er ist noch da, ja, aber er dümpelt irgendwo am Rande herum. Vielleicht ist er nicht tot, aber viel Leben ist in seinem Kadaver nicht mehr. Aber er ist zäh.

Und das ist nicht die Schuld der bösen großen Verlage, die sich nichts trauen. Das liegt einfach daran, dass es den größten Teil der Leser*innen im deutschen Sprachraum wirklich nicht mehr interessiert. Ich meine, schauen wir uns doch mal an, wer sich an der unseligen „Winnetou – Debatte“ letzten Sommer beteiligt hat? Das waren doch tatsächlich nur so „alte“ Leute, wie ich selbst einer bin, als „alter, weißer cis Mann“.

Und große Verlage sind nun einmal in erster Linie Wirtschaftsunternehmen. Darum machen die einfach keine Western mehr. Lohnt sich nicht.
Ja, es gibt dann ab und zu mal so erfolgreiche Sachen wie „Deadwood“, „Yellowstone“, „Godless“ usw. Aber hey, das sind Filme, bzw. TV-Serien! Das ist tatsächlich ein völlig anderer Markt, als der Buchmarkt. Und vor allem sind diese Produktionen in den USA weitaus erfolgreicher, als hier. So erfolgreich, dass wir hier in Deutschland Glück haben, dass die Fernsehsender uns eine Synchronisierung spendieren.

Aber im Großen und Ganzen schätze ich das schon so ein, dass der „klassische Western“ als Genre im deutschsprachigen Raum eher ein „Nerdding“ ist. Woran er (bzw. die Autor*innen und Verlage) vielleicht sogar selbst Schuld ist, da er leider wirklich oft sehr konservativ bis reaktionär wirkt.

Dennoch findet er seine Leser*innen.

Denn genau darum kümmern, sich kleinere Verlage, bzw. Selfpublisher. Die können so eine Nische bedienen und dennoch auf einen gewissen „grünen Zweig“ kommen kann. Einfach, weil sie viel geringere Kosten als ein Unternehmen wie „Random House“ haben.

Die großen Erfolge sollte man allerdings nicht mehr erwarten. Ich meine, ich habe mal gelesen, was U.H. Wilken einst für seine Manuskripte bekommen hat. Wissen Sie, was der Basteiverlag heute für ein Skript zahlt? Da wird man schnell um etliche Illusionen ärmer.

Aber die Motive des Westerns findet man noch überall, was meiner Meinung nach eben mit der klassischen Erzählung und den Archetypen zu tun hat. Insofern, kein Grund, die Finger davon zu lassen. Man muss eben nur schauen, wie man es erzählt und was man erwartet. Erfolg? Ruhm? Reichtum? Oder doch nur ein paar tausend Leser*innen?

1000 sind für einen Selfpublisher schon viel. Bei den Amazontantiemen für’s Ebook ist das ein gutes Taschengeld. Für einen sog. „großen“ Verlag ist das absolut nichts. Die fangen erst bei über 50000 an, von Erfolg zu reden. Zwischen 10000 und 50000 ist man sog. „Midlistautor“. Darunter fliegt man gleich raus. Und ich bin mir sicher, das bringt kein Western heute mehr in Deutschland. Bastei hat selbst „Three Oaks“ eingestellt und das war ein wirklich richtig guter, geschriebener Western. Aber eben auch nicht unbedingt der klassische Western. Und die Xte Wiederauflage eines alten Heftromanwesterns, ich bin mir sicher, dass eben auch das nur ein Nischenprodukt ist.

Aber was ich als Tipp allen Autor*innen mit geben mag ist: Lerne auf jeden Fall schreiben. Du musst das Handwerk beherrschen. Wenn dir gute Schreibworkshops zu teuer sind, lies wenigstens James N. Frey, Sol Stein und Stephan Waldscheidt. Dann schreibe, das was du lesen willst! Dann lass es lektorieren und mit einem vernünftigen, markttauglichen Cover (das muss nicht unbedingt das sein, was dir gefällt) versehen und veröffentliche es. Aber auch erst dann! Jede gute Geschichte findet ihre Leser*innen. Ob du dann bei einem kleinen Verlag unterkommst, der eine Nische bedient, oder als Selfpublisher dir ein Taschengeld dazu verdienst, das wird sich dann finden. Vielleicht hast du ja auch Glück und du schreibst den einen Western, der plötzlich das große Revival einläutet und wirst reich, berühmt … ich gönne es dir!

KJR: Ihre Western erscheinen zumeist als Paperbacks und Ebooks. Für Sammler sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E. Schnellstens beendet werden. Liebevoll gemachte Paperbacks oder Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Das bringt mich zum Thema der Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Chancen? Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?

AS: Ich selbst lese seit Anfang 2013 nur noch (außer bei Comics) Ebooks. Habe da also schon eine andere Sichtweise. Für mich kann ich z.B. sagen, dass ich seitdem ich den Kindle habe, wieder viel mehr lese. Mittlerweile nutze ich ihn auch als Arbeitswerkzeug für meine eigenen Skripte. Auf der anderen Seite habe ich mein Calibre aber auch so programmiert, dass es wie ein Bücherregal aussieht und lege sehr großen Wert darauf, dass die Ebooks vernünftige Cover haben. Das mit dem Nutzungsrecht wird ja zum Glück mittlerweile etwas aufgebrochen. Viele Verlage verzichten schon offiziell auf den Kopierschutz und somit erwirbt man wirklich eine Kopie der Datei, die einem dann auch niemand mehr wegnehmen kann.

Als ich 2016 anfing wieder zu veröffentlichen, habe ich mich zunächst ausschließlich auf Ebooks und dort auf Amazon konzentriert. Im Kindle-Unlimited sah und sehe ich z.B. sehr große Chancen, um als Autor überhaupt erst einmal bekannt zu werden. Mittlerweile schreibe ich auch für BLITZ und da ist das Konzept von Jörg ja bisher gewesen, sich mehr auf die Taschenbücher, die es auch nie im „richtigen“ Buchhandel gibt, zu konzentrieren. Etwas, was mich wiederum an mich, als Selfpublisher erinnerte. Ich hatte nie den Anspruch oder die Illusion im Buchhandel im Regal zu stehen.

Meiner Meinung nach, wird die Buchbranche eine ähnliche Entwicklung nehmen, wie die Musikbranche. Es wird Streamingdienste mit Flatrates (Kindle Unlimited) geben, es wird live auftretende Autor*innen geben, die bei Poetryslams und Lesebühnen T-Shirts und Kaffeetassen verkaufen. Es wird Ebooks, also das Äquivalent zu mp3 und wav Dateien, geben. Es wird aber auch weiterhin Paperbacks und hochwertige Hardcover geben, so wie es eben immer noch CDs, ja sogar Vinyl gibt.

KJR: Stichwort Übersetzungen. Streben Sie Übersetzungen in andere Sprachen an?. Sehen Sie gute Chance für solche Übertragungen? Hierbei würde mich vor allem der Aspekt ‚deutschsprachige Originale in englischsprachiger Fassung‘ interessieren.

AS: Oh, ich habe mal meine Fühler in die Richtung ausgestreckt und bin ganz schnell davon abgekommen. Denn es ist nicht mit einer Übersetzung und einer Publikation via Amazon.com getan. Die Übersetzung allein hätte mich aber schon derart viel gekostet. Also eine wirklich gute Übersetzung, die es schafft, meine „Weird Western“ in einen „Lansdale Tonfall“ zu übersetzen. Nein. Um in den USA Fuß zu fassen, bedarf es außerdem noch viel Zeit und Energie, oder jemanden drüben vor Ort, der das für mich erledigt und der muss bezahlt werden. Social Media spielt für die Leser*innen - Gewinnung da drüben noch mal eine ganz andere, viel bedeutendere Rolle als hier. Dazu hab ich gar keinen Nerv. Es gab mal einen sehr guten Artikel von Joshua Three, einem erfolgreichen Selfpublisher im Science Fiction, der darüber geschrieben hat, wie er es in den USA geschafft hat und da konnte ich nur sagen: „Nein. Danke. Dafür mag ich nicht auch noch Energie und Geld verwenden.“

KJR: Hat Anton Serkalow Pseudonyme genutzt? Wenn ja, können Sie uns einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen benutzt?

AS: Anton Serkalow ist das einzige Pseudonym, das ich nutze und es ist ein geschlossenes Pseudonym. Als ich damit startete, diente es mir als Schutz (aus psychischen Gründen) und, da ich damals offiziell noch bei einem Verlag mit der sog. „Optionsklausel“ unter Vertrag war. Mittlerweile habe ich mich damit aber so gut eingerichtet, dass ich es beibehalte. Allein deswegen, weil das, was ich 13 Jahre lang unter meinem bürgerlichen Namen veröffentlicht habe, absolut nichts mit dem zu tun hat, was jetzt Anton Serkalow schreibt, so dass die „Lüftung des Geheimnisses“ echt niemanden etwas nützen würde.

KJR: Wie lebt ein Autor unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert immer.

AS: Ich sage es immer gerne so. Meine Frau und ich, wir haben die klassische Rollenverteilung, nur eben, dass sie die typische Männerrolle innehat. Sie ist selbstständige Dipl. Psychologin mit eigener Praxis, verdient das Geld. Ich kümmere mich um Haus, Hunde, Hof, Garten, Hausarbeit etc. und damit mir in meiner Freizeit nicht allzu langweilig wird, veranstalte ich „Tupperwareparties“ bzw. betreibe einen „Schönheitssalon“ im Keller, der keinerlei Einnahmen bringt. Nur, dass es eben Bücher schreiben ist. Aber im Schreiben habe ich einen sehr hohen professionellen Anspruch an mich. Ich habe einen geregelten Tagesablauf aus Joggen, Hausarbeit, Hundezeit, Schreiben usw. und ein Tagesziel (Anzahl Anschläge), dass ich mir selbst setze. Meist schreibe ich an drei, bis vier Sachen gleichzeitig, abwechselnd, um jede Form von Schreibblockade zu vermeiden. Ich habe mal gelernt, dass Schreibblockade nichts anderes, als eine Form von „Betriebsblindheit“ ist und durch eben solche festen Abläufe und Regeln verhindert werden kann.

KJR: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autor?

AS: Privat? Das alles so bleibt wie es ist! Vielleicht würde ich gerne irgendwann mal mehr, bzw. öfter, z.B. jedes Jahr für ein paar Monate nach Namibia. Mich interessiert die gemeinsame Geschichte und fasziniert das Land und die Menschen an sich. Aber das ist auch schon wieder etwas für meine Autorenzukunft, denn natürlich würde ich darüber schreiben.

Aber sonst, als Autor? Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, noch mehr zu schreiben und zu veröffentlichen. Jetzt, wo ich mit Hörspielskripten angefangen habe, hat sich da noch mal einiges an Potential aufgetan und wer weiß: Vielleicht schaffe ich es ja dann doch, mit der Mischung aus Selfpublishing, Autor für kleinere Verlage und Hörspielskripten, ja vielleicht sogar noch ein paar Sachen für Bastei Romanhefte usw. ein kleines Taschengeld oben drauf zu verdienen. Den Traum, davon allein leben zu können, habe ich mir abgeschminkt. Aber auch deswegen, weil es mir wirklich zu stressig wäre. Ich weiß, was ein mir bekannter Autor für seine Skripte bei Bastei bekommt und damit weiß ich auch, wie viel er im Monat abliefern muss, um als Selbstständiger über die Runden zu kommen. Da finde ich es für mich dann doch schöner, dass ich in der glücklichen Situation bin, nicht vom Schreiben leben zu müssen und mir lieber „den Bauch pinseln lasse“, in dem ich von den Verlagen, Hörspielproduktionsfirmen ein Festhonorar bei Abnahme des Skriptes und als Selfpublisher meine 70% Tantiemen für die Ebooks bei Amazon bekommen. Das muss sich ja irgendwann mal auszahlen.

Hach, ich würde jetzt nur noch was von Frieden, Liebe und Gesundheit schreiben, aber das nimmt mir keiner ab, oder?

KJR: Ich danke für die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen!

AS: Ich danke, für die Chance, meine Gedanken zu teilen und indiskret … da wurde ich aber schon ganz andere Sachen gefragt.:-)

Freitag, 24. März 2023

Ein Dutzend Fragen an Mario ULBRICH - Das Interview

 Ein Dutzend Fragen an Mario Ulbrich

Mario Ulbrich [mu] (geb. 1964) - als Verfasser von Romanen und Kurzgeschichten aus unterschiedlichen Genres der unterhaltenden Literatur bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten. Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 21. März 2023 geführt.

KJR: Ich habe einige Ihrer Bücher mit Interesse und Gewinn gelesen. Dabei entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden Belletristik, der Actionthriller und auch des Western. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schreiben Sie u. a. Wildwestromane? Erzählen Sie doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen Werdegang?
MU: In meiner Schulzeit habe ich angefangen, Comics zu zeichnen – obwohl ich zum Malen wirklich kein Talent habe. Deshalb habe ich mich sehr bald auf Geschriebenes verlegt, das ich meinen Schulkameraden in der Pause vorlas. Meine Serie um die sogenannte Mühlgrabengang mit mir und meinen Freunden in den Hauptrollen war damals legendär, zumindest in unserer Schulklasse. Die Romantitel in der Vorschau diverser Westheftchen haben mich dann dazu inspiriert, es auch mal mit ‚Schundkrimis‘ und Western zu probieren. Dazu müssen Sie wissen, dass ich in der DDR aufgewachsen bin. Geschmuggelte Romanhefte waren selten und begehrt, und die Titellisten am Ende eröffneten mir eine Welt der noch zu erzählenden Abenteuer.
So habe ich mir meinen eigenen Parker zusammenfantasiert, der bei mir kein Butler, sondern Privatdetektiv war. Die Krimis waren so lang wie ein Schulheft dick war und trugen geklaute Titel wie „Parker und die Mädchenkiller“ oder „Parker lässt die Fetzen fliegen“.
Tja und Western. Welcher Junge mochte die damals nicht? Ich habe einen Brief an den Bastei-Verlag geschrieben: „Lieber Verlag! Falls Sie Western-Manuskripte benötigen, bitte melden Sie sich bei mir.“ Ich nehme an, der Brief wurde von der Stasi kassiert, jedenfalls habe ich nie eine Antwort erhalten. Was aber auch gut war, denn meine ersten Westernschreibversuche sind nie über die Rotaseite hinausgekommen, auf der ich stets die Bewaffnung meines Helden beschrieben habe. Zwei Colts, natürlich! Am meisten geprägt hatten mich die Romane „Der schwarze Larry“ von Geo Barring und „Matlock räumt auf“ von H.C. Nagel, die ich mehrfach gelesen, ja regelrecht studiert habe. Viele andere hatte meine Oma allerdings auch nicht. Ich wusste nicht das Geringste über die Romanheftprodutkion, war aber schwer beeindruckt, von dem, was echte Profis zu Papier gebracht hatten. Und heute weiß ich, dass ich damals unbewusst echte Romanheftproduktion nachgeahmt habe: Die komische Mode, nicht den Titel nach der Story zu wählen, sondern die Story an einen vorgegebenen Titel anzupassen.
KJR: Neben Western haben Sie Texte geschrieben, die anderen Genres zuzuordnen ist. Welche Schwerpunkte setzen Sie hier und wie sehen Ihre weiteren Pläne für abenteuerliche Geschichten oder unterhaltende Belletristik aus? - Sind hier Überraschungen zu erwarten?
MU: Meine Wild-Hunters-Actionserie um den Bogenjäger Erik Maurer ist bei vier veröffentlichten Romanen angekommen (plus eine Novelle). Nummer fünf folgt in diesem Jahr. Sieben sollen es werden, vielleicht neun, mal sehen. In dieser Serie geht es um Aliengeheimnisse, Kryptozoologie und grenzwissenschaftliche Themen. Das ist zurzeit mein Hauptwerk und macht eine Menge Arbeit, weil alles miteinander verzahnt ist und die vorkommenden Theorien nicht erfunden sind. Das heißt, es könnte alles wahr sein. Zumindest werden Leser, die sich mit Grenzwissenschaften befassen, sagen können: Das stimmt! Davon habe ich schon mal gelesen.
Seit ungefähr 15 Jahren schiebe ich den Start einer harten Krimireihe um einen ehemaligen DDR-Fallschirmjäger vor mir her. Ob ich dafür jemals die Zeit finde? Denn da ist auch noch ein dreiteiliges Zeitreise-Abenteuer, das in einem DDR-Tagebau beginnt und etwas mit der mysteriösen Nazi-Glocke zu tun hat.
Nicht zu vergessen soll meine Mountain-Men-Serie im BLITZ-Verlag mindestens noch Teil 10 bekommen, aber eigentlich noch einige mehr. Wenn ich bloß nicht ständig auf Arbeit gehen müsste.
KJR: Western bilden einen gewissen Teil Ihrer Arbeit. Sind deren Handlungen einem bestimmten Serienkosmos zuzuordnen oder arbeiten Sie gezielt nach Exposés?. Wo sehen Sie die Vorteile einer solchen Arbeitsweise und was hat Sie dazu getrieben, Ihre Western zu schreiben? Einige Ihrer in Nordamerika spielenden Geschichten beschäftigen sich mit den frühen Mountain Men. Warum haben Sie gerade diese Epoche als Hintergrund für Ihre Western gewählt?
MU: Meine Mountain-Men-Romane gehören zusammen. Sie bauen chronologisch aufeinander auf, neben den Serienhelden Jed und Mel gibt es etliche wiederkehrende Nebenfiguren. Ich arbeite nach ausführlichen Exposés, die ich zwar recht formlos schreibe, da ich sie anders als Romanheftautoren nirgendwo vorlegen muss, aber darin ist konkret festgelegt, was der Reihe nach passiert. Im Laufe der Jahre sind meine „Drehbücher“ immer umfassender geworden, denn diese Arbeitsweise hat sich bewährt. Handlungsteile miteinander zu verzahnen, gelingt mir so wesentlich besser als das beim Aus-dem-Bauch-heraus-schreiben möglich wäre. Auch hilft es, wenn man wie ich größere Pausen beim Schreiben einlegen muss. Wenn ich aufgrund meiner Arbeit oft tagelang nicht dazukomme, an einem Roman weiterzuarbeiten, verliere ich trotzdem nie den Faden. Alles, was wichtig ist, steht ja im „Drehbuch“. Meine Western spielen übrigens alle in der kurzen Ära der Mountain Men. Andere habe ich noch nicht geschrieben. Ich liebe diese Zeit einfach. Sie ist Abenteuer pur. Nach 1840 wird es mir langweilig im Westen und ein Western, der um 1900 spielt, ist für mich fast schon SF. 😊
KJR: Könnte man Ihre Western dem klassischen amerikanischen formelhaften Western zuordnen, wie er z. B. In den Pulp Magazines gepflegt wurde? Solche Texte haben inzwischen auch schon eine lange Tradition und sie sind durch Übersetzungen oder auch deutschsprachige Originalveröffentlichungen hierzulande weit verbreitet. Wie sind Sie dazu gekommen, selbst Wildwestromane zu schreiben, was fasziniert Sie an diesem Subgenre der spannungsreichen Unterhaltungsliteratur und wo liegen Ihre Vorbilder im Bereich des Western?
MU: Ich sehe meine Western in erster Linie als actionreiche Abenteuerromane an. Letztlich ist der Western ja nichts anderes als ein Abenteuerroman, der halt zufällig im amerikanischen Westen in einem bestimmten Zeitraum spielt. Western gelesen habe ich unzählige, aber mein Vorbild ist nicht im Western zu suchen, sondern bei den Sharpe-Romanen von Bernard Cornwell. Meine Mountain Men sind mehr Sharpe im Westen als Nachahmer von Lederstrumpf oder Louis L’Amour. Nicht zufällig taucht immer wieder mal eine Baker-Rifle auf und wenn meine Schlachten hier und da etwas größer ausfallen als man das erwarten würde, kennen Sie jetzt den Grund dafür. Allerdings bemühe ich mich um größtmögliche Authentizität. Bloß Kämpfe kann es eben nie genug geben.
KJR: Der traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos gesehen (z.B. Peter Bischoff), Ähnliches klingt auch schon bei Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?
MU: Die sind mir herzlich egal. Ein Western ist für mich gute Unterhaltung. Da sollte man nicht groß etwas hineininterpretieren.
KJR: Neben traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska) und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von solchen Randerscheinungen des Genres und schreiben Sie selbst so etwas?
MU: Wenn sie interessant gemacht sind, warum nicht? Alle diese Spielarten haben ihre Berechtigung, finde ich. Ich selbst mag Adult-Western nicht unbedingt, dafür gibt es ja Pornos. Andererseits: Die besten Pornos waren aufwendige Kostümschinken, warum also nicht auch im Wilden Westen? Oder: Ich mag Western, die im amerikanischen Südwesten spielen, nur sehr bedingt und alles ab Mexico überhaupt nicht. Zu warm. Doch ich bin ja nicht der Gradmesser. Andere Leser lieben den amerikanischen Südwesten und das ist vollkommen in Ordnung. Mein Ding ist eben der Norden. Montana, Wyoming – und lieber Kanada als New Mexico. Aber das wohl nur, weil ich dorthin lieber in den Urlaub fahren würde.
KJR: Immer wieder wird z.B. im Internet oder an anderer Stelle eine Krise des Western bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Wie schätzen Sie die derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben von Western widmen möchte?
MU: Ja, das Publikumsinteresse ist beim weitem nicht mehr das, was es mal war. Das trifft aber auch auf andere Genres zu, etwa den Mantel- und Degen- oder den Sandalenfilm und ihre Entsprechungen im Roman. Ab und zu ein aufwendig produzierter Film dieser Genres findet immer sein Publikum und hier und da auch mal ein Roman, aber die großen Zeiten des Western sind vorbei, zumindest in Deutschland. Kommen sie mal wieder? Keine Ahnung, zu wünschen wäre es. Meine Actionthriller verkaufen sich Pi mal Daumen zehnmal so gut wie meine Western und das liegt garantiert nicht daran, dass die Western keine schöne Aufmachung hätten. Das große Publikumsinteresse fehlt. Daher hinke ich mit meinen Plänen für die Mountain-Men-Serie auch hinter meiner eigenen Planung her. Die Wild Hunters gehen einfach vor. Ich muss zwar nicht vom Schreiben leben, aber auch das Taschengeld sollte halbwegs stimmen.
Jungen Autoren kann ich nicht zum Western raten, aber auch nicht davon abraten. Mein Rat ist: Schreibt, worauf ihr Lust habt, und wenn das ein Western sein soll – nur zu! „Wind River Gold“, meinen ersten Mountain-Men-Roman, habe ich geschrieben, weil ich das wollte, nicht weil ich mir Reichtum ausgemalt habe, und ich weiß noch, dass ich mir damals gesagt habe, wenn ich 100 Leser finde, bin ich glücklich. Inzwischen (10 Jahre später) sind um die 2000 Exemplare weggegangen.
KJR: Ihre Western erscheinen zumeist als Paperbacks und Ebooks. Für Sammler sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E. schnellstens beendet werden. Liebevoll gemachte Paperbacks oder Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Das bringt mich zum Thema der Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Chancen? Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?
MU: Ich besitze selbst einen eReader, und zwar einen teuren (Kindle Voyage) und ich habe da eine Zeitlang auch drauf gelesen. Aber letztlich bin ich zum gedruckten Buch zurückgekehrt. Damit bin ich aufgewachsen und das liebe ich über alles. Nichts geht über ein hübsch gestaltetes Buch auf Papier. Aber okay, das ist Oldschool. Die tatsächlichen Verhältnisse sind so, dass knapp 80 Prozent meiner verkauften Exemplare eBooks sind, knapp die Hälfte davon geliehene eBooks über Amazon Unlimited, also über eine Flatrate, bei der die Leser die Dateien nicht mal ansatzweise besitzen möchten, geschweige denn, sich ein gedrucktes Buch kaufen.
KJR: Stichwort Übersetzungen. Streben Sie Übersetzungen in andere Sprachen an? Sehen Sie gute Chance für solche Übertragungen? Hierbei würde mich vor allem der Aspekt ‚deutschsprachige Originale in englischsprachiger Fassung‘ interessieren.
MU: Über Übersetzungen würde ich mich freuen, welcher Autor würde das nicht? Aber ich glaube nicht, dass da etwas kommt. Der Redrum-Verlag, bei dem meine Action-Thriller erschienen sind, hat versucht, auf dem englischsprachigen Markt Fuß zu fassen, die Übertragungen nach den ersten Titeln aber wieder aufgegeben.
KJR: Hat Mario Ulbrich Pseudonyme genutzt? Wenn ja, können Sie uns einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen benutzt?
MU: Früher habe ich humoristische Sachen unter meinem Klarnamen veröffentlicht, auch meine ersten Kriminal- und Horrorgeschichten sind so veröffentlicht worden. Bis ich mehr Ernsthaftes schrieb und mir dachte, dass mein Name ein Stimmungskiller für Western oder Thriller ist. Würden Sie ein Mountain-Men-Abenteuer von einem Typen namens Mario Ulbrich lesen? Ich nicht. Meine Western sind daher alle unter John F. Cooper erschienen, wobei das vor allem mit dem Schriftbild zu tun hatte und mir erst hinterher klarwurde, dass ich unterbewusst ein Pseudonym gewählt hatte, das sehr gut zur Zeit der Vorderlader und Lederritter passt. Meine Thriller erscheinen unter U.L.Brich, was ein wenig augenzwinkernd ist, aber härter klingt als mein Allerweltsname.
KJR: Wie lebt ein Autor unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert immer.
MU: Zuallererst geht er mal auf Arbeit und am Abend hat er keinen Bock mehr darauf, irgendetwas zu schreiben, weil er den ganzen Tag nichts anderes getan hat. Telefonieren, herumfahren und schreiben. Ich bin Reporter bei einer großen Tageszeitung in Sachsen, damit verdiene ich mir seit 35 Jahren meine Brötchen, obwohl der Journalismus nur ein Abfallprodukt meines Hobbys, der Geschichtenschreiberei, ist. Das wird sich bis zu meiner Rente auch nicht mehr ändern, weil ich nicht bereit bin, die Geschichten zu schreiben, nach denen die Verlage gerade gieren. Ich will das schreiben, worauf ich Lust habe. Wie gut, dass die Schriftstellerei ein Hobby geblieben ist (obwohl ich manchmal schon damit hadere).
Immerhin habe ich seit drei Jahren eine Teilzeitregelung, das heißt, ich habe jeden Monat eine Woche frei, in der ich mich meinen Schreibprojekten widmen kann. Dann fange ich nach dem Frühstück, während dem ich ein Buch lese, so gegen 9 Uhr mit der Schreiberei an. Ich nehme mir immer einen bestimmten Handlungsabschnitt aus meinem „Drehbuch“ vor. Das können mal drei Seiten werden, mal zehn. Im Schnitt sind es fünf bis sieben. Danach ist Zeit für ergänzende Recherchen und das nochmalige Durchlesen des Geschriebenen. Überarbeitungen gibt es bei mir kaum. Ich schreibe langsam, aber ein Absatz, der steht, steht.
Nachmittags, wenn meine liebe Frau ihr (ungleich größeres) Pensum für Lassiter, den Bergdoktor oder Dr. Stefan Frank bewältigt hat, gehen wir eine Runde in den Wald, um den Kopf auszulüften und am Wochenende sind wir gerne in der Wildnis unterwegs. Mountain-Men-Feeling. Aber bitte mit Dusche am Abend! Man muss es ja nicht übertreiben.
KJR: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autor?
MU: Ich wünsche mir, dass unser Leben so schön bleibt, wie es ist. Wir haben uns gesucht und gefunden. Darüber hinaus wäre allerdings ein großer Lottogewinn optimal, denn dann könnte ich zu Hause bleiben und nur noch Geschichten schreiben. Und meine Frau käme endlich mal dazu, eins ihrer Wunschprojekte umzusetzen, die derzeit hinter der Heftchenschreiberei zurücktreten müssen.
KJR: Ich danke für die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen! 

Dienstag, 21. März 2023

Ein Dutzend Fragen an Stefan BARTH - Das Interview

Ein Dutzend Fragen an Stefan Barth


Stefan Barth [sb] (geb. 1967) - als Verfasser von Taschenbüchern und Ebooks sowie als Autor von Drehbüchern bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten. Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 20. März 2023 geführt.

KJR: Ich habe einiges über Ihre Westernserie RONDO gelesen. Dabei entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden Belletristik darunter auch Western sowie beim Verfassen von Drehbüchern für TV- und Filmproduktionen. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schreiben Sie Wildwestromane? Erzählen doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen Werdegang?

SB: Erstmal danke für das Interesse. Schreiben hat mich schon seit der Schulzeit umtrieben; die Idee für den Held meiner Western-Serie RONDO kam mir tatsächlich bereits während des Abiturs. Film war ebenfalls eine immer größer werdende Leidenschaft und während meines Film- und Fernsehwissenschaft-Studiums in Bochum habe ich begonnen erste Drehbücher zu schreiben, bis ich 1997 zum ersten Mal professionell für die Action-Serie DER CLOWN geschrieben habe (unter anderem eine „Western“ Folge). Seitdem bin ich freiberuflicher Drehbuchautor und habe viele Bücher für diverse Filme und Serien geschrieben.

Als Liebhaber von Genre-Stoffen, die in Deutschland immer schwer zu realisieren waren (inzwischen wird es dank den Streamern besser) habe ich neben den „Butter-und-Brot-Drehbüchern“ immer wieder reine Genre-Drehbücher geschrieben, die es aber nie bis zur Produktion gebracht haben. 2015 habe ich dann eins davon, DRECKSNEST (eine Art Western im Deutschland der Gegenwart) zum ersten Mal als Roman umgesetzt und über Amazon selbst veröffentlicht. Es folgten dann weitere Romane in verschiedenen Genres (2. Weltkrieg, Horror, Thriller und schließlich Western).

KJR: Neben Western haben Sie Texte geschrieben, die anderen Genres zuzuordnen ist. Welche Schwerpunkte setzen Sie hier und wie sehen Ihre weiteren Pläne für abenteuerliche Geschichten oder unterhaltende Belletristik aus? - Sind hier Überraschungen zu erwarten?

SB: Als ich angefangen habe neben der Drehbucharbeit auch Romane zu schreiben, war das zunächst nur ein Ventil, um ohne Input von anderen endlich die Art von Geschichten zu erzählen und zu veröffentlichen, die ich persönlich liebe. Amazon bzw. Kindle Direct Publishing hat da vielen wie mir die Tore geöffnet – plötzlich konnte man ohne die Gatekeeper bei den Verlagen veröffentlichen und inzwischen so professionell, dass es mehr oder weniger keinen Unterschied mehr zwischen Indie-Publishing und Verlagsveröffentlichungen gibt – außer, dass viele Indie-Publisher wesentlich mehr Geld verdienen.

Anfangs bin ich zwischen den Genres gesprungen, was es Autor*innen schwerer macht, weil die Leser sie nicht in eine Schublade stecken können. Mein Weltkriegsroman war bislang mein erfolgreichster, und das Gesetz des Marktes hätte eigentlich diktiert, dass ich mehr davon schreibe, was ich aber (bislang) nicht getan habe. Jetzt fokussiere ich mich gerade auf meine große Liebe, den Western, und versuche mich dort als „Marke“ zu etablieren. Aber tatsächlich plane ich eine zweite Roman-Reihe, diesmal geht es um einen Abenteurer zur Zeit des ersten Weltkriegs. Grundsätzlich stehe ich nach wie vor auch anderen Genres wie Thriller und Horror offen gegenüber, aber da entscheiden ein bisschen die Leser und die Bücher, die sie von mir kaufen mit.

KJR: Western bilden einen gewissen Schwerpunkt Ihrer Arbeit. In jüngerer Zeit haben Sie mit Rondo eine Serienfigur geschaffen, deren Handlungen einen bestimmten Serienkosmos zugeordnet werden können. Wo sehen Sie die Vorteile eines solchen Handlungskonzepts und was hat Sie dazu getrieben, Western zu schreiben?

SB: Wie bereits erwähnt, liebe ich Western seit meiner Kindheit. Zweifelsohne mein Lieblings-Genre. Vor allem die Filme von Howard Hawks, Anthony Mann, Sam Peckinpah und Sergio Leone haben mich geprägt, aber natürlich auch viele, viele andere. Was die Literatur betrifft ist LONESOME DOVE von Larry McMurtry mein Alltime-Favorite. Für mich wahrscheinlich mit Abstand der beste Western-Roman ever. Mit RONDO wollte ich einen Pulp-Helden kreieren, der die Elemente des klassischen Westerns mit denen des Spaghetti-Westerns kombiniert und gleichzeitig einigermaßen authentischen, historischen Background liefert.

Außerdem wusste ich, dass ich viele Geschichten mit Rondo erzählen kann/will und Serien sind für Autoren immer ein gutes Geschäft (vorausgesetzt natürlich, sie kommen an ). Die Grundidee, dass Rondo mit einer Kugel im Kopf herumläuft, die ihn jederzeit töten kann, kam mir tatsächlich erst bei der Arbeit am ersten Roman „Sechs Kugeln für den Bastard“, den ich während des ersten Corona-Lockdowns 2020 innerhalb von drei Monaten geschrieben und veröffentlicht habe.

KJR: Könnte man ihre Rondo-Romane dem ‚Weird Western‘ zuordnen? Solche Texte haben inzwischen auch schon eine lange Tradition und sie sind mir in deutscher Sprache erstmals mit Romanen wie Thomas Mayne Reids „Der Reiter ohne Kopf“ (The Headless Horseman) bzw. der schönen Geschichte Will Henrys „Der Geisterwolf vom Thunder Mountain“ begegnet. Später gab es dann im Bereich der Romanhefte Grusel- und Geister-Western. Was fasziniert Sie an diesem Subgenre und wo liegen Ihre Vorbilder im Bereich des Western?

SB: Nein, die RONDO-Romane sind keine „Weird Western“. Es sind geradlinige Western ohne Horror-Elemente.

KJR: Der traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos gesehen (z.B. Peter Bischoff), Ähnliches klingt auch schon bei Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?

SB: Mit solchen Thesen oder Äußerungen kenne ich mich ehrlich gesagt gar nicht genug aus, um sie zu kommentieren. Was mich persönlich am Western-Genre fasziniert, ist die Geradlinigkeit der Geschichten, die immer auch Parallelen zur Moderne enthalten und gleichzeitig die Komplexität, die man den Charakteren geben kann, was natürlich auch mit der amerikanischen Pionierzeit und ihren diversen Einflüssen durch Menschen aus der ganzen Welt zusammenhängt.

KJR: Neben traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska) und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von solchen Randerscheinungen des Genres und schreiben Sie selbst so etwas?

SB: Grundsätzlich finde ich Randerscheinungen und Sub-Genres immer interessant. Manche funktionieren besser (bei Horror-Elementen denke ich an den Film BONE TOMAHAWK), manche schlechter (COWBOYS & ALIENS). Western-Elemente findet man heute ja vor allem im Krimi und Thriller-Bereich wieder, besonders in amerikanischen Serien wie LONGMIRE und JUSTIFIED oder Filmen wie WAY OF THE GUN (liebe ich!) und vielen anderen. Mein Weltkriegsroman ES WAR EINMAL IN DEUTSCHLAND, der ab 26. Mai als Film unter dem Titel BLOOD & GOLD auf Netflix zu sehen sein wird, entstand aus der Idee klassische Western-Elemente in den zweiten Weltkrieg zu packen.

KJR: Immer wieder wird z.B. im Internet oder an anderer Stelle eine Krise des Western bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Wie schätzen Sie die derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben von Western widmen möchte?

SB: Der Western ist auf dem Buchmarkt ja schon lange nicht mehr so dominant wie in den Sechziger, Siebziger und Achtziger Jahren, ähnlich im Film- und Comicbereich. In Amerika ist das Genre noch etwas lebhafter als in Deutschland und Europa allgemein, aber bestimmt auch geschrumpft.

Seit ich die RONDO-Western schreibe, beobachte ich das noch mal genauer. Ein Blick in die Amazon-Western-Charts zeigt eigentlich ausschließlich moderne Romance-Literatur mit Rocky-Mountain-Background oder Western-Hefte von G.F. Unger und Jack Slade. Längere Western-Romane findet man in Deutschland so gut wie gar nicht (bis auf wenige Ausnahmen wie Alfred Wallon u.a.), zumindest nicht in den Charts. Nicht mal übersetzte amerikanische Autoren wie die Klassiker Louis L’Amour, Elmer Kelton und viele andere. Also ist der Western wahrscheinlich nicht unbedingt das naheliegendste Genre um viel Geld zu verdienen.

Bei der Auswertung von Facebook-Werbung zum Beispiel sehe ich, dass mein Zielpublikum erst ab Mitte 50 beginnt, bei den Jüngeren ist das Genre fast nicht existent. Das ist natürlich schade und kann sich nur ändern, wenn der Western wieder mehr „Awareness“ bei einem breiteren Publikum findet. Keine Ahnung, ob das möglich ist, ich versuche es jedenfalls. Bei Filmen und Serien gibt es ja immer wieder mal „klassische“ Western, die beim Massenpublikum erfolgreich sind. Was junge Kollegen betrifft: Grundsätzlich würde ich erst mal das schreiben, was mir Spaß macht, und wenn das Western sind: Go for it. Aber natürlich muss man auch kommerzielle Gesichtspunkte betrachten, wenn man Geld verdienen will. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn es weitere neue Autoren im Genre gibt.

KJR: Ihre Western erscheinen zumeist als Paperbacks und Ebooks. Für Sammler sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E. schnellstens beendet werden. Liebevoll gemachte Paperbacks oder Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Das bringt mich zum Thema der Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Chancen? Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?

SB: Mit Kindle und den EBooks hat Amazon den Buchmarkt revolutioniert, für Leser und für Autoren. EBooks sind heute einfach nicht mehr wegzudenken. Ich liebe beides und veröffentliche meine Romane sowohl als EBooks als auch als Paperback. Grundsätzlich verkaufen sich EBooks besser als Paperbacks, aber bei den RONDO-Western gehen auch die Paperbacks sehr gut, was wahrscheinlich wieder damit zu tun hat, dass Western-Leser momentan noch der älteren Generation angehören, die grundsätzlich eher zum klassischen Buch tendiert.

KJR: Stichwort Übersetzungen. Streben Sie Übersetzungen in andere Sprachen an?. Sehen Sie gute Chance für solche Übertragungen? Hierbei würde mich vor allem der Aspekt‚ deutschsprachige Originale in englischsprachiger Fassung‘ interessieren.

Natürlich denke ich auch über Übersetzungen nach. Vor allem bei den Western ist der englischsprachige Markt von Interesse, denke ich. Aber auch, was meine anderen Bücher betrifft. Übersetzungen sind allerdings mit hohen Kosten verbunden, die man als Indie-Autor erst einmal selbst aufbringen muss – außerdem ist es wirklich schwierig den internationalen Markt zu knacken, der einfach riesig ist. Selbst in Deutschland mega-erfolgreiche Autoren haben Probleme dort Erfolg zu finden. Wir haben zwar inzwischen auch die Möglichkeit zur Werbung über Amazon oder auch Facebook, mit der man eine größere Leserschaft erreichen kann, aber auch das ist mit Kosten verbunden, für die erst einmal Geld vorhanden sein muss.

KJR: Hat Stefan Barth Pseudonyme genutzt? Wenn ja, können Sie uns einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen benutzt?

SB: Tatsächlich habe noch nie ein Pseudonym benutzt. Als ich anfing, die RONDO-Western zu schreiben, habe ich mit dem Gedanken gespielt, so wie es ja in Deutschland (vor allem bei Heftromanen) von vielen gehandhabt wird. Aber dann hätte ich ein zweites Autoren-Profil zu bewerben gehabt und ich wollte einfach alles unter einem Dach halten. Und seien wir ganz ehrlich, die meisten Pseudonyme sind doch eher albern und jeder weiß, dass kein Amerikaner dahinter steckt.

KJR: Wie lebt ein Autor unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert immer.

SB: Ich arbeite jetzt seit fünfundzwanzig Jahren als freiberuflicher Autor. Das hat viele Vorteile: Geld mit dem zu verdienen, was man liebt, eigene Arbeitseinteilung, flexibler im Familienleben, aber auch ungewisse Zeiten und letztendlich wahrscheinlich mehr Arbeit als wäre ich irgendwo angestellt. Aber das schöne ist ja, das ich Schreiben gar nicht als „Arbeit“ betrachte.

Was den Arbeitsablauf betrifft: Ich schreibe tatsächlich die meiste Zeit in einem Café um die Ecke, das zu einer Arbeit Büro geworden ist. Ist ein bisschen so wie „zur Arbeit“ zu gehen. Wenn die Kinder in der Schule sind, gehe ich zum Sport, dann fange ich an zu schreiben (oder zu denken) und das bis meist 16 oder 17 Uhr. Bei Drehbüchern habe ich Deadlines, die einzuhalten sind. Dazu kommen die Romane, die parallel entstehen und oft auch außerhalb der „regulären Bürozeiten“. Ich arbeite mit einem Macbook Air, brauche Kaffee und manchmal auch Musik, meistens Soundtracks.

KJR: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autor?

Privat das übliche, Gesundheit und Zufriedenheit – als Autor wünsche mir einfach weiterhin mit dem Schreiben Geld verdienen zu können und die Roman-Arbeit noch aktiver zu betreiben als es sowieso schon der Fall ist.

KJR: Ich danke für die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen!

Montag, 20. März 2023

Ein Dutzend Fragen an Martin BARKAWITZ - Das Interview

Ein Dutzend Fragen an Martin Barkawitz - Das Interview


Martin Barkawitz [mb] (geb. 1962) - als Verfasser von Taschenbüchern, Ebooks und Romanheften aus unterschiedlichen Genres der unterhaltenden Literatur bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten. Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 19. März 2023 geführt.


KJR: Ich habe einige Ihrer Bücher mit Interesse und Gewinn gelesen. Dabei entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden Belletristik darunter auch Western.Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schreiben Sie Wildwestromane? Erzählen Sie doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen Werdegang?
MB: Ich habe schon als Kind selbst gern Unterhaltungsliteratur gelesen, Karl May war einer meiner Helden. Natürlich kannte ich auch G. F. Unger und die anderen fleißigen Westernautoren im Heftroman-Bereich. Mein Studium der Literaturwissenschaft schloss ich dann folgerichtig mit einem passenden Thema ab: Meine Magisterarbeit handelte von Helmut Rellergerd und seiner John-Sinclair-Serie. So kam ich mit dem Bastei-Verlag in Kontakt, und saß irgendwann dem damaligen Cheflektor Rainer Delfs gegenüber, der ja hier auch als Autor bekannt sein dürfte. Ich nahm meinen Mut zusammen und äußerte den Wunsch, selbst Heftromane zu schreiben. Er bot mir an, mein Glück bei Jerry Cotton zu versuchen, was auch auf Anhieb klappte. Das war 1997. Von da an arbeitete ich regelmäßig an der Serie mit. Zum Western kam ich, weil der Verlag mich auch für die Serien bzw. Reihen Lassiter und Jack Slade haben wollte. Seitdem habe ich nie mit dem Verfassen von Unterhaltungsliteratur aufgehört.
KJR: Neben Western haben Sie Texte geschrieben, die anderen Genres zuzuordnen ist. Welche Schwerpunkte setzen Sie hier und wie sehen Ihre weiteren Pläne für abenteuerliche Geschichten oder unterhaltende Belletristik aus? - Sind hier Überraschungen zu erwarten?
MB: Rein vom Volumen her ist die größte Gruppe der von mir verfassten Romane dem Krimi zuzuordnen. Ansonsten habe ich auch gern mit Grusel und Fantasy beschäftigt, beispielsweise war ich einige Zeit einer der Autoren von »Professor Zamorra«. Für den Cora-Verlag habe ich die »Steampunk-Saga« verfasst (unter meinem Pseudonym Steve Hogan), die inzwischen in Neuauflage bei Cassopeia Press erscheint. In der Richtung könnte ich mir mehr vorstellen – Fantasystoffe mit historischem Hintergrund. Es hat mir nämlich große Freude gemacht, einige Abenteuer des Arséne Lupin zu übersetzen und selbst einen neuen Roman um den Meisterdieb zu schreiben. Sie fragen nach Überraschungen? Nun, ich bin für alles offen und freue mich über Angebote von Verlagen. Selfpublishing mache ich aktuell nicht.
KJR: Western bilden einen gewissen Teil Ihrer Arbeit. Sind deren Handlungen einem bestimmten Serienkosmos zuzuordnen oder arbeiten Sie gezielt nach Exposés?. Wo sehen Sie die Vorteile einer solchen Arbeitsweise und was hat Sie dazu getrieben, Ihre Western zu schreiben?
MB: In der Zusammenarbeit mit Heftromanverlagen habe ich meist ein Kurzexposé vorgelegt, in dem ich die Handlung des geplanten Romans umrissen habe. Wenn dieses vom Lektor »abgesegnet« wurde, habe ich mit dem Verfassen begonnen. Das ist die Arbeitsweise, die ich traditionell gewöhnt bin. Wenn ich die Wahl habe, schreibe ich mit einer vagen Idee im Kopf drauflos. Da vertraue ich auf mein Bauchgefühl, das mich noch nie im Stich gelassen hat. Man hört ja oft, dass Western etwas formelhaftes hätten – das muss aber in meinen Augen kein Nachteil sein. Man hat als Autor innerhalb der Grenzen des Genres eben doch ziemlich freie Hand.
KJR: Könnte man Ihre Western dem klassischen amerikanischen formelhaften Western zuordnen, wie er z. B. In den Pulp Magazines gepflegt wurde? Solche Texte haben inzwischen auch schon eine lange Tradition und sie sind durch Übersetzungen oder auch deutschsprachige Originalveröffentlichungen hierzulande weit verbreitet. Wie sind Sie dazu gekommen, selbst Wildwestromane zu schreiben, was fasziniert Sie an diesem Subgenre der spannungsreichen Unterhaltungsliteratur und wo liegen Ihre Vorbilder im Bereich des Western?
MB: Wenn man meine Western als Pulp-Western bezeichnet, würde ich das als Kompliment auffassen. Ich habe die alten Pulp-Haudegen immer bewundert, die während der Weltwirtschaftskrise teilweise unter erbärmlichen Lebensbedingungen eine spannende Story nach der anderen zu Papier gebracht haben. Die Unsitte des endlosen Umschreibens gab es damals übrigens noch nicht. Denn Umschreiben hieß zu Zeiten von mechanischen Schreibmaschinen: Alles nochmals abtippen. Und je später der Verlagsscheck eintraf, desto länger mussten diese Autoren auf eine warme Mahlzeit warten. - Wie gesagt, meine Laufbahn als Westernautor verdanke ich dem Bastei-Verlag, das war die Idee meines damaligen Lektors. Am Western gefällt mir die Atmosphäre und die Charaktere, die nicht so aalglatt und weichgespült sind wie viele andere Figuren, die heutzutage über die Romanseiten geistern. Vorbilder? Vielleicht Louis L`Amour und G. F. Unger, wobei ich mich niemals mit solchen Größen vergleichen möchte. Darum sind es eben – unerreichbare – Vorbilder.
KJR: Der traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos gesehen (z.B. Peter Bischoff), Ähnliches klingt auch schon bei Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?
MB: Die Theorie ist mir bekannt, allerdings war ich noch nie in Amerika. Ich kann mir aber vorstellen, dass der Pioniergeist und das über Jahrhunderte währende Verschieben der »Frontier« immer weiter nach Westen das Land und seine Bevölkerung nachhaltig geprägt haben. So etwas prägt – genau wie beispielsweise die Kleinstaaterei, wie sie für Deutschland so typisch war und uns noch heute verfolgt, wenn wir an bestimmte Auswüchse des Föderalismus denken … Ansonsten muss man meiner Meinung nach als amerikanischer oder deutscher Autor kein Anhänger der Frontier-Theorie sein, um einen spannenden Western schreiben zu können.
KJR: Neben traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska) und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von solchen Randerscheinungen des Genres und schreiben Sie selbst so etwas?
MB: Ich habe in der Vergangenheit an mehreren Erotik-Western-Serien mitgearbeitet (Lassiter & Co.), dafür gibt es offensichtlich immer noch einen Markt. Ich weiß, dass manche Puristen diese Sonderformen ablehnen, was ich aus deren Sicht nachvollziehen kann. Nun wird aber niemand gezwungen, solche Western zu lesen. Wenn schon auf dem Cover neben dem Gunfighter eine nur leicht bekleidete Lady steht, dann kann sich jeder Leser selbst ausrechnen, in welche Richtung die Geschichte gehen wird. Ich würde auch einen Grusel-Western schreiben, wenn mir jemand einen solchen Auftrag erteilt, warum denn nicht?
KJR: Immer wieder wird z.B. im Internet oder an anderer Stelle eine Krise des Western bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Wie schätzen Sie die derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben von Western widmen möchte?
MB: Das Stichwort heißt Liebe, und zwar Liebe zum Genre. Wer als Autor wirklich für den Western »brennt«, der wird es in Kauf nehmen, dass heutzutage die Leserschaft für das Genre kleiner ist als noch vor Jahrzehnten. Aber nach meiner Erfahrung sind Westernleser treue Menschen. Außerdem kann sich der Wind immer mal wieder drehen. Auch im Kino wurde der Western schon totgesagt, und nichtsdestotrotz gibt es dort immer wieder Überraschungserfolge. Mein Rat an Newcomer: Erzähltechniken lernen und dann bei den Verlagen anklopfen, die Western veröffentlichen.
KJR: Ihre Western erscheinen zumeist als Paperbacks und Ebooks. Für Sammler sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E. schnellstens beendet werden. Liebevoll gemachte Paperbacks oder Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Das bringt mich zum Thema der Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Chancen? Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?
MB: Ich komme ja vom Heftroman her, also ist die gedruckte Form auch für mich die bevorzugte Veröffentlichung. E-Books sehe ich als eine weitere Schiene an, die den Druck aber keinesfalls ersetzen sollte. Zum Glück gibt es ja heutzutage das Print-on-Demand-Verfahren, so dass man auch Paperbacks von guter Qualität produzieren kann, obwohl nicht mit hohen Verkaufsauflagen zu rechnen ist. Hardcover sind natürlich der Goldstandard, da sind wir uns wohl alle einig.
KJR: Stichwort Übersetzungen. Streben Sie Übersetzungen in andere Sprachen an?. Sehen Sie gute Chance für solche Übertragungen? Hierbei würde mich vor allem der Aspekt ‚deutschsprachige Originale in englischsprachiger Fassung‘ interessieren.
MB: Ob meine Western übersetzt werden, liegt natürlich auch an den Verlagen, mit denen ich zusammenarbeite. Bastei hat eine sehr rege Lizenzabteilung, etliche meiner Western sind in Belgien erschienen - und es gibt auch eine einzelne Übersetzung in die tschechische Sprache. Natürlich würde ich auch Übersetzungen ins Englische begrüßen, ich selbst habe da leider keine Kontakte.
KJR: Hat Martin Barkawitz Pseudonyme genutzt? Wenn ja, können Sie uns einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen benutzt?
MB: Meine Western-Pseudonyme lauten: Jack Slade, William Scott, Nolan F. Ross (Verlagspseudonyme), ferner Henry Raven, Rob Monroe und Carrie Bliss. - Warum ich unter Pseudonymen schreibe? Als Heftromanautor bin ich das so gewöhnt, und meist wird es von den Verlagen erwartet. Das mag im Taschenbuch und Hardcover anders sein, aber da stehen bei mir aktuell keine Western-Veröffentlichungen an.
KJR: Wie lebt ein Autor unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert immer.
MB: Ich führe eigentlich ein ruhiges Leben. Morgens bis mittags wird geschrieben, dann Pause, nachmittags noch ein paar Seiten mehr zu Papier bringen. Ich verbringe viel Zeit mit meiner Freundin und bin im Sportverein aktiv, wo ich mich als Trainer mit der edlen Fechtkunst befasse. Sport ist wichtig, wenn man eine sitzende Tätigkeit ausübt und über 60 ist ;-). Oft halte ich mich an der Nordseeküste und auf den Inseln auf, weil ich auch Ostfrieslandkrimis schreibe – natürlich ebenfalls unter Pseudonym. Wenn man als Autor auf einen grünen Zweig kommen will, dann muss man viel produzieren – es sei denn, man heißt Sebastian Fitzek. Bis jetzt habe ich meine Abgabetermine immer einhalten können.
KJR: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autor?
MB: Gesundheit für meine Lieben und für mich. Und so viele Romane wie möglich schreiben, das macht mir nämlich nach 25 Jahren im Beruf immer noch Spaß.
KJR: Ich danke für die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen!
MB: Ich habe zu danken.

Freitag, 17. März 2023

Ein Dutzend Fragen an Ludwig WEBEL - Das Interview

Ein Dutzend Fragen an Ludwig WEBEL


Ludwig Webel [lw] (geb. 1957) - als Verfasser zahlreicher Taschenbücher, Hardcover und Romanhefte bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten. Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 13. März 2023 geführt.

Ludwig Webel - Foto by Peter Fritschi

KJR: Ich habe zahlreiche Ihrer Romane mit Interesse und Gewinn gelesen. Dabei entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden Belletristik und dabei im Bereich des Western. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schrieben/schreiben Sie Wildwestromane? Erzählen Sie doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen Werdegang.

LW: Vielen Dank! Ausgelöst wurde meine Western-Schreiblust wohl durch drei Autoren, die aus sich heraus ein umfangreiches und ganz eigenes Wildwest-Universum geschaffen hatten, das sie über viele Jahre ganz allein betreuten: Karl May, Konrad Kölbl (als Conny Cöll) und Albrecht Peter Kann (als William Mark / Frank Laramy). Diesen Vorbildern entsprechend habe ich bis heute immer nur Romane mit dem Trapper, Scout und Indianeragenten Kit Carson geschrieben – wobei „meiner“ ein „historisch paralleler“ Kit Carson ist: Der historische Hintergrund stimmt, doch Aussehen, Persönlichkeit und Erlebtes sind anders.

KJR: Neben Western haben Sie gelegentlich kürzere Essays für Zeitschriften geschrieben und auch Bücher übersetzt, die inhaltlich nicht unbedingt dem Bereich des Western zuzuordnen sind. Welche Schwerpunkte setzen Sie und wie sehen Ihre weiteren Pläne in Bezug auf Übersetzungen und eigene Schriften aus? Sind hier Überraschungen zu erwarten?

LW: Bei meinen Essays habe ich mich nur selten von der Westernszene entfernt. Für die „Blätter für Volksliteratur“ schrieb ich bereits vor Jahrzehnten über Protagonisten von Frauenromanserien (Arzt, Adel, Familien), aber vorwiegend über mir besonders gelegene Autoren wie Kann, Kölbl (siehe oben) und Jürgen Duensing. Kölbl und Duensing durfte ich persönlich kennenlernen, für mich eine enorme Bereicherung. Für das „Sammlerherz“ habe ich einen zweiteiligen Artikel über Roy Rogers verfasst und einen über Karl May-Pastiches. Die Inhalte des seit vielen Jahrzehnten laufenden italienischen Westerncomics TEX, dessen Autoren und zahlreiche Zeichner bespreche ich ebenfalls in fortlaufenden Artikeln im „Sammlerherz“.

Meine Übersetzer-Diplomarbeit „Semiotische Analysen zu Comic Strips und ihrer Übersetzung“ öffnete mir den Weg zu den damaligen Comic-Verlagen Splitter, Feest und Ehapa, für die ich ungefähr drei Dutzend Alben übersetzte, u.a. „Tanguy und Laverdure“ sowie Werke von Hugo Pratt. Aber (natürlich) auch Western, „Jonathan Cartland“ und Sergio Toppis „Mann von Mexiko“. Mein Traum bleibt, eine Auswahl der regulären monatlichen TEX-Alben zu übersetzen (weit über 700 mit mindestens je 110 Seiten pro Band), aber dazu fehlt hier wohl der Markt.

Weitere Überraschungen sind nicht zu erwarten.

KJR: Spannungsreiche Belletristik mit Kit Carson als Protagonist bildet den Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Die historische Persönlichkeit Kit Carson spielt in zahlreichen Veröffentlichungen unterschiedlichster Art eine Rolle. Ich denke hier an Filme, wie John Waynes ‚The Alamo‘ oder Kit Carsons regelmäßiges Auftreten in der italienischen Comicserie ‚Tex‘. Unter welchen Gesichtspunkten haben Sie ihren Kit Carson gestaltet und wie sehen sie andere mediale Gestaltungen der Figur?

LW: Gut, dass Kit Carson 1836 von Fort Alamo weit genug weg war. Da hatte er sein legendäres Duell mit dem Riesentrapper Shumar und heiratete die Indianerin Waanibe.

Richtig, es waren die zahlreichen Gesichter Kit Carsons in Comics, die mich nach dieser historischen Figur greifen ließen. Nur einige Beispiele, wo er vorkommt: Eine Ausgabe der „Illustrierten Klassiker“ ist ihm gewidmet, bei Rino Albertarelli ist er ein Glatzkopf mit Riesenschnurrbart, in Warren Tufts’ „Lance“ ein blonder Draufgänger, in TEX hat er seit 80 Jahren einen Schnurr- und Spitzbart. In der „Storia del West“ (75 Comicalben in meiner Ausgabe) ähnelt er durchaus dem historischen Vorbild, bei Fleetway hat er eine blonde Mähne. Diese Geschichten erschienen bei uns im Walter Lehning-Verlag, da habe ich die blonde Mähne übernommen. Sonst nichts. Es war diese Vielfalt im Comic, die mich veranlasste, einen eigenen Kit Carson zu schaffen, jedoch in Romanform.

KJR: Neben Kit Carson haben Sie – wenn ich recht orientiert bin - auch Western zum Teil in Zusammenarbeit mit Alfred Wallon geschrieben. Wie sehen sie eine solche Zusammenarbeit mit anderen Autoren heute und wo liegen Ihre Vorbilder im Bereich des Western?

LW: Die Zusammenarbeit im selben Roman stelle ich mir gerade im Western problematisch vor. Ich finde auch gerade kein Beispiel. Außer, in der Tat, Alfred Wallon und ich. Es gibt einen Roman, zu dem er die erste Hälfte geschrieben hat und ich die zweite. Und eine Erzählung, deren Rahmen ich geschrieben habe, der er den Inhalt folgen ließ. In seine eigene Ranchserie, die unter verschiedenen Titeln lief, durfte ich Romane und Erzählungen einbringen, in denen ebenfalls immer Kit Carson mitspielt. Wir sind seit über 40 Jahren befreundet. Ich weiß, wie sehr ich ihn als Autor und vor allem als Mensch zu schätzen habe, doch dass er zwei meiner Protagonisten selbstständig umgelegt hat, werde ich ihm ewig nachtragen. An dieser Stelle darf ich jedoch versichern, dass sie nur scheintot waren.

Aber in Serien funktioniert die Zusammenarbeit der Autoren mit ihren Einzelromanen. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, von „Billy Jenkins“ bis „Texas-Marshal“. Extra erwähnen möchte ich die Autorenfreunde Jürgen Duensing und Mario Werder, die beide leider verstorben sind. Als Frank Callahan und Dan Roberts haben sie die „Skull Ranch“ und „Die harten Vier“ harmonisch über Jahre gestaltet.

Konzeptuell“ sind wie erwähnt Karl May, Konrad Kölbl und A.P. Kann meine bewunderten Idole. Inhaltlich, thematisch und stilistisch habe ich, zumindest bewusst, keine.

KJR: Der traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos gesehen (z.B. Peter Bischoff), Ähnliches klingt auch schon bei Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?

LW: Dazu drei Antworten:

1. Sich als aktiver Autor mit literaturwissenschaftlichen Interpretationen des eigenen Sujets auseinanderzusetzen mag sich nicht vorteilhaft auf die eigene kreative Schaffenskraft auswirken. Den Western als sekundäres semiologisches System habe ich ein wenig verfolgt, z.B. bei Georg Zurlo und Karl N. Renner. Da war aber kein Einfluss auf mein Wirken zu befürchten.

2. Die obigen Ansätze finden im Rahmen der Amerikanistik statt. Somit haben sie natürlich den amerikanischen Western als Schwerpunkt, und mit ihm die amerikanischen Autoren. Aber wie Englisch als Weltsprache in jedem Land stets eigene Wege geht, ist das ebenso im Westerngenre geschehen, schon seit anderthalb Jahrhunderten. Mein Forschungsinteresse gälte somit eher den deutschen bzw. europäischen Kontribuenten.

3. Bei den oben erwähnten Forschungen dienen Autoren und Werke zu Exemplifizierungen theoretischer Ansätze. Dieser Zugang fehlt mir, weil ich (durchaus einseitig, zugegeben) eher eine begrenzte Zahl von Autoren verfolge, deren langjähriges Wirken sich in ihrem eigenen seriellen Kosmos vollzogen hat.

KJR: Neben traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska) und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von solchen Randerscheinungen des Genres und könnten Sie sich vorstellen, selbst so etwas zu schreiben?

LW: Nein, ich bleibe ganz bestimmt in meinem in vier Jahrzehnten geschaffenen Kit Carson-Universum. Dazu habe ich jüngst eine achtseitige Chronologie seiner sämtlichen Abenteuer von 1830 bis 1863 erstellt, mit Inhaltsangaben. Da war ich von mir selbst beeindruckt. Sie erscheint mit im Buch "Rinder, Rancher und Revolten", für 2023 vorgesehen.

Aber in den oben erwähnten Varianten gibt es überall originelle, einfallsreiche Beiträge, was im Adult Western z.B. durch einige Lassiter-Autoren (und mindestens zwei Autorinnen) belegt wird, im Horrorbereich durch Walter Appel, im Northern durch Christopher Ross (Thomas Jeier). Es gibt auch Afrika-Western, siehe J. T. Edson (bei dem auch mindestens einmal Außerirdische vorkommen). Im Western-Comic gibt es noch ungleich mehr Potential. Dort finden wir auch Saurier, Lost Races und Übernatürliches vor. Wo es passt, da passt es. „Magico Vento“ (Zauberwind), mit einem Poe-ähnlichen Sidekick, war so etwas wie ein Gothic Western und brachte es auf ungefähr 130 überwiegend großartige Alben.

KJR: Heute wird immer wieder, z.B. im Internet oder an anderer Stelle, eine Krise des Western bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Können Sie dies bestätigen? Wie schätzen Sie die derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben von Western widmen möchte?

LW: Die Szene ist überall geschrumpft, auch in den Staaten! Die „Botschaft“ des Western wurde auf dem Bildschirm nach dem Auslaufen der großen klassischen Serien in andere Konzepte transponiert, von „Dallas“ bis „Yellowstone“. Aber auch „Renegade“, „Walker, Texas Ranger“ und vor allem (Jack) „Reacher“ mit Alan Ritchson – gerade diese neue Serie bietet die Botschaft des Western in Reinkultur.

Könnte man Nachwuchs-Autoren raten, auf diesen Zug „literarisch“ aufzuspringen? Oder aktuellen Themen wie z.B. der „Geschlechter-Frage“ in der amerikanischen Vergangenheit nachgehen? Die Krimi-/Detektiv-Welle in den Wilden Westen verlegen? Oder wie Mario Ulbrich (als John F. Cooper), den ich sehr schätze, die archaische Trapperwelt des ganz frühen 19. Jahrhunderts detailreich und drastisch wiederauferstehen lassen? Ich kann da sicher kein Patentrezept finden. Außer lange genug konsequent durchhalten.

KJR: Ihre Bücher erscheinen heute z.B. im Blitz-Verlag. Als Veröffentlichungsmedien sind Paperback, Hardcover sowie Ebook, sowie im Randbereich auch Romanhefte etabliert. Für Sammler sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E. Schnellstens beendet werden. Als ‚Lesefutter‘ sind Ebooks inzwischen allerdings beliebt und haben somit auch ihre Berechtigung. Liebevoll gemachte Paperbacks oder Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Das bringt mich zum Thema der Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Chancen? Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?

LW: Natürlich bin ich old school und von dem Outfit, das meine Verleger meinen Büchern gegeben haben, in allen Fällen sehr angetan. Auch ich erscheine in Ebook-Form, habe aber nie verfolgt, in welcher Form den Rezensenten (sprich: engagierten Interessenten) mein Werk vorgelegen hat, als sie es sich zur Brust genommen haben. Gerne würde ich in Ebooks das Potential eines erleichterten Zugang zu anderssprachigen Ländern sehen, aber da hat z.B. mein Autorenfreund Alfred Wallon eher enttäuschende Erfahrungen gemacht.

KJR: Mir ist bekannt, dass Sie viel Zeit in Recherchen für Ihre Romane gesteckt haben und zudem ein guter Kenner italienischer Westerncomics sind, wie z. B. Ihre Übersetzung (und Bearbeitung) des Ehapa-Comic-Lexikons belegt. Welchen Wert hat ein korrekt geschilderter historischer Hintergrund für Ihre Arbeit als Autor und wie setzen Sie so etwas in ihren eigenen schriftstellerischen Werken um? Nutz(t)en auch die italienischen Comicschaffenden gut recherchierte Hintergründe oder nicht?

LW: Ich habe mich deshalb so sehr in Kulturen und Landschaften des amerikanischen Westens vertieft, weil sie streckenweise sogar die Handlung tragen können. Und weil sich aus ihnen auch für den Western ein „sense of wonder“ herausarbeiten lässt, wie man ihn sonst eher der Science Fiction zuschreibt. Wie sorgfältig und intensiv ich auch immer Geschichte, Politik und die örtliche Natur für mein jeweiliges Werk recherchiert haben mag – die Anregungen zur eigentlichen Handlung kamen fast immer von außen. Deshalb will ich hier einige verraten:

  •  Der Treck nach Kalifornien: Erle Stanley Gardner, Hubschrauber Höhlen Hindernisse
  •  Intrigen im Westen: Gore Vidal, Burr
  •  Aus fernen Zeiten: José Luis Borges, Die letzte Reise des Odysseus
  •  Das Königreich im Michigansee: Walter Havighurst, Im Lande Lederstrumpfs
  •  Ein Eden für Männer: William Benemann, Men in Eden

Das Große Ehapa Comic-Lexikon war mir damals eine Herzensangelegenheit. Ich selbst lernte viel daraus, konnte die italienischen Comics darin mit ihren deutschen Ausgaben ergänzen, verfasste selbst etliche Inhalte zu deutschen Comics. Der Verfasser, der leider viel zu früh verstorbene Professor Franco Fossati, hat sich noch explizit für meine zusätzliche Fleißarbeit bedankt.

Bei den italienischen „Comic-Schaffenden“ ging, vergleichbar mit deutschen Westernheftautoren, die Palette von schlampig bis hochpräzise, was das Bemühen um historische Korrektheit betrifft. Damals die Indianernamen bei TEX: Der Navajo-Held neben Tex heißt bis heute „Tiger Jack“, die verstorbene Navajofrau von ihm hieß „Lilith“. Berühmte Häuptlingsnamen wurden aber allgemein ins Italienische umgewandelt. An dieser Stelle lasse ich deshalb gern raten: Capo Giuseppe? Cavallo Pazzo? Toro Seduto? - Einerseits waren es wohl die Italiener, die in ihren Westerncomics erstmalig auch Vampire, Werwölfe, Wikinger, Beduinen, Saurier, Außerirdische und Sonstige auftreten ließen, andererseits wurde in den letzten Jahrzehnten immer gründlich recherchiert, wenn es die Hintergründe der jeweiligen Erzählung erforderten. Es gab auch Reihen über historische Persönlichkeiten des Wilden Westens in Comicform. Und selbstverständlich sei Hugo Pratts „Fort Wheeling“ noch erwähnt.

KJR: Hat Ludwig Webel im Lauf der Jahre neben Leslie West andere Pseudonyme genutzt? Wenn ja, können Sie uns einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen benutzt?

LW: Immer nur Leslie West, wegen der Initialen. Ich konnte und kann damit leben, dass der verstorbene „Leslie West“, ein gefeierter Dreizenter-Hardrock-Gitarrist, weit berühmter war und ist als ich. Aber auch der hieß ursprünglich anders, nämlich Leslie Abel Weinstein. Zu schreiben begann ich in einer Zeit, wo „amerikanische“ Pseudonyme gebräuchlich waren.

KJR: Wie lebt ein Autor unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert immer.

LW: Jahrgang 1957 hat den Renteneintritt mit 65 Jahren und 11 Monaten. Ich habe exakt bis zum letzten Tag des elften Monats gearbeitet, keinen mehr und keinen weniger. Meine Arbeit für „München Tourismus“ (eine städtische Behörde) hat mir 37 Jahre überwiegend Spaß gemacht. Ich habe eine Informations-Datenbank mit ca. 13.000 Dokumenten und sieben Terabyte hinterlassen.

Seit Renteneintritt mache ich mir Gedanken, wie ich meine ca. 800 prall gefüllten Bücherkisten (von Hochliteratur in Radja-Ziegen- und handlevantiertem Saffian-Leder bis zum erbittertsten Schundheft) einer würdigen Zukunft entgegenführen kann. Und Tausende von LPs, CDs und DVDs. Aber auch Comics, davon über 2000 allein aus Italien. Alle großen Hansrudi Wäscher-Serien, auch deren sämtliche Nachfolger. Und ich bin leidenschaftlicher Maus-Fan und -Sammler – der Ente mag der Schnabel sauber bleiben.

Mein geliebtes Münchner Dante-Winterfreibad wurde leider geschlossen. Seitdem ziehe ich meine Bahnen im 50-Meter-Becken der Olympia-Schwimmhalle. Nicht zu schnell, altersgemäß. Zu weiterem Sport sollte ich mich endlich wieder aufraffen.

KJR: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autor?

LW: Als Autor: Dass ich weiterhin originelle und ansprechende Themen aus der Geschichte des amerikanischen Westens aufstöbere, die noch nicht breitgetreten worden sind.

Privat: Dass Gattin Ilka ihre hochkomplizierte und problematische Rücken-OP noch möglichst lange aufschieben kann. Dass Sohn Markus seine Arbeit in Karlsruhe so gut gefällt wie sie mir in München gefallen hat. Und dass alle Geimpften und Ungeimpften ihre Corona-Erkrankungen so unbeschadet wie möglich überstehen.

KJR: Ich danke für die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen!

LW: Als Ausbund an Geschwätzigkeit habe ICH an dieser Stelle für diese Plattform zu danken.


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