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Mittwoch, 29. März 2023

Ein Dutzend Fragen an Katrin ULBRICH - Das Interview

Ein Dutzend Fragen an Katrin Ulbrich - Das Interview


Katrin Ulbrich [KU] (geb. 1973) - unter Pseudonymen als Verfasserin von Taschenbüchern, Ebooks und Romanheften aus unterschiedlichen Genres der unterhaltenden Literatur bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten. Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 27. März 2023 geführt.

KJR: Ich habe einige Ihrer Bücher und Romanhefte mit Interesse und Gewinn gelesen. Dabei entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden Belletristik und auch des Western. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schreiben Sie u. a. Wildwestromane? Erzählen Sie doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen Werdegang?
KU: Man kann vermutlich nicht schreiben, ohne gern und viel zu lesen. So war es jedenfalls bei mir. Als Schülerin habe ich mein ganzes Taschengeld in Bücher investiert. Meine Oma hat bei Besuchen „drüben“ Heftromane über die Grenze zu uns in die DDR geschmuggelt. Die haben wir gelesen, bis sie fast auseinandergefallen sind. Oft waren es Westernhefte. Dazu sammelte mein Vater die Romane von Karl May und Liselotte Welskopf-Henrich und versorgte mich mit Vorbildern. Damals wurde meine Liebe zum Western gelegt.
Neben dem Lesen habe ich mir immer auch eigene Geschichten ausgedacht. Längere Texte und Romane wurden später an der Uni daraus. Irgendwann fasste ich mir ein Herz und schickte einen Gruselroman an den Bastei Verlag. Die Reihe, in die er gepasst hätte, wurde damals leider gerade eingestellt, aber meine Art zu schreiben gefiel und ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könne, einen „Bergdoktor“-Roman zu verfassen. Ich konnte, wurde angenommen und bin seitdem dabei.
KJR: Neben Western haben Sie Texte geschrieben, die anderen Genres zuzuordnen ist. Welche Schwerpunkte setzen Sie hier und wie sehen Ihre weiteren Pläne für abenteuerliche Geschichten oder unterhaltende Belletristik aus? Sind hier Überraschungen zu erwarten?
KU: Mein Herz hängt an den Heftromanen. Der Wechsel zwischen den Genres hält meine Fantasie auf Trab und bringt mich manchmal auch gehörig ins Schwitzen, aber ich würde es gar nicht anders haben wollen. Mein Schwerpunkt? Ich möchte unterhalten. Wenn mir das gelingt, habe ich mein Ziel erreicht. Pläne und Ideen warten viele in meinem Notizbuch. Welche davon das Licht der Welt erblicken, wird auch für mich eine Überraschung. Das wird die Zeit zeigen. Gern möchte ich einen Bergmann aus meiner Heimat, dem Erzgebirge, einmal ein Abenteuer im Wilden Westen erleben lassen. Auch eine Idee für den nächsten Weihnachtsroman mit „Lassiter“ wartet schon auf ihren Einsatz.
KJR: Western, speziell für die Romanheftreihe LASSITER, bilden einen gewissen Teil Ihrer Arbeit. Deren Handlungen sind einem bestimmten Serienkosmos zuzuordnen, arbeiten Sie dabei gezielt nach Exposés? Wo sehen Sie die Vorteile einer solchen Arbeitsweise und was hat Sie dazu getrieben, Ihre Western zu schreiben?
KU: Ein Redakteur hat einmal gesagt: „Exposees sind ein Geschenk.“ Da ist was dran, weil sie einen Fahrplan bieten und verhindern, dass man sich beim Schreiben selbst in eine Sackgasse manövriert. Vor jedem Roman verfasse ich ein zwei- bis dreiseitiges Exposee, in dem der gesamte Ablauf abgesteckt ist. Dazu gibt es für die Serien, an denen ich mitschreibe, Rahmenexposees, in denen der Handlungsort und die wichtigsten Personen festgelegt sind. Beim Bergdoktor zum Beispiel, dass er Anfang 50 ist und auch (erst mal) nicht älter wird. Der Glückliche. Solche Handreichungen sind sehr nützlich für die Orientierung.
Mein Weg zu „Lassiter“ war ein bisschen verschlungen. Ich hatte dem Verlag eine Idee für einen „Frauen-Western“ mit Serienpotential vorgeschlagen. Leider gab es dafür gerade keine freien Kapazitäten, aber die Romanidee kam gut an und da bei „Lassiter“ gerade Autoren gesucht wurden, durfte ich den Roman für diese Reihe schreiben. So entstand „Kein Job für eine Lady“.
Dem Western wird oft nachgesagt, er wäre ein sterbendes Genre, aber ich denke, Geschichten aus dem früheren, abenteuerlichen Amerika werden immer ihre Leser finden, weil sie etwas berühren, das auch jetzt noch aktuell ist. Sei es nun die Sehnsucht nach Freiheit, nach Abenteuern oder einfach die Genugtuung, dass der Schurke am Ende eins auf den Stetson bekommt.
KJR: Könnte man Ihre Western generell dem Adult Western zuordnen, wie er z. B. in verschiedenen englischsprachigen Taschenbuchserien gepflegt wurde. Solche Texte haben mit ihrer expliziten Betonung von Sex und Gewalt inzwischen auch schon eine längere Tradition und sie sind/waren durch Übersetzungen oder deutschsprachige Originalveröffentlichungen hierzulande auf dem Markt vertreten. Wie sind Sie dazu gekommen, selbst Wildwestromane zu schreiben, was fasziniert Sie an diesem Subgenre der spannungsreichen Unterhaltungsliteratur und wo liegen Ihre Vorbilder im Bereich des Western?
KU: Lassiter zählt mit seinen expliziten Szenen sicherlich zum Adult Western. Das gehört auch zu dem Spaß an den Geschichten. Lassiter ist stets mit vollem Einsatz bei der Sache - sei es bei der Jagd auf Banditen oder in der Liebe. Er ist ein Held, dem man gerne folgt, deshalb schreibe ich auch so gern über ihn. Ich lote aus, inwieweit man das klassische Abenteuer mit modernen Themen wie dem Naturschutz verbinden kann. Wildwestromane bieten ein weites Feld für Abenteuer in einer Natur, wie sie wilder und ursprünglicher kaum sein könnte. Dieses Flair hat G. F. Unger sehr gut eingefangen. Ich schätze auch sehr die Romane meiner Kollegen bei „Lassiter“. Schauen Sie sich nur einmal die Bösewichte von Tom Hogan an, die sind so vielschichtig und gekonnt beschrieben, dass sie nach dem Lesen unvergesslich bleiben.
KJR: Der traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos gesehen (z.B. Peter Bischoff), Ähnliches klingt auch schon bei Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?
KU: Darum mache ich mir ehrlich gesagt keine Gedanken. Ich erzähle, wovon ich hoffe, dass es beim Lesen unterhält, Vergnügen bereitet und vielleicht das eine oder andere historische Detail enthüllt.
KJR: Neben traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska) und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von solchen Randerscheinungen des Genres und schreiben Sie selbst so etwas?
KU: Western sind und waren zum Glück immer ein weites Feld voller Möglichkeiten. Ich lese gern Genre-Mix-Western und mag auch entsprechende Filme. Wenn ein Cowboy mit Aliens konfrontiert wird … Warum nicht? Ich könnte mir auch durchaus vorstellen, bei einer modernen Cowboy-Romance-Serie mitzuschreiben.
KJR: Immer wieder wird z.B. im Internet oder an anderer Stelle eine Krise des Western bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Wie schätzen Sie die derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben von Western widmen möchte?
KU: In die Verkaufszahlen habe ich leider keinen Einblick. Als Leserin würde ich mir aber viel mehr neue Westernromane auf dem Markt wünschen. Wenn man sich in den Buchhandlungen umschaut, muss man neue Western ziemlich suchen. Erfolgreiche Reihen mit Cowboy-Romances oder Serien wie „Yellowstone“ beweisen, dass Western nach wie vor das Herz des Publikums erobern. Mein Rat wäre: Schreiben, wofür man brennt. Alles andere artet in Arbeit aus …
KJR: Ihre Western erscheinen zumeist als Paperbacks und Ebooks und Romanhefte. Für Sammler sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E. schnellstens beendet werden. Liebevoll gemachte Paperbacks oder Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Das bringt mich zum Thema der Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Chancen? Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?
KU: Als Leserin mag ich beides. Müsste ich mich zwischen Reader und Printausgabe entscheiden, würde aber die Papierform gewinnen, weil das Gefühl beim Lesen einfach ein ganz anderes ist. Für die Veröffentlichung ist das E-Book inzwischen jedoch nicht mehr wegzudenken. Für viele macht es einen großen Teil der Einkünfte aus. Oder der Verluste, wenn E-Books auf Piratenseiten angeboten werden. Hier sollte unbedingt mehr getan werden, um solche Räubereien zu unterbinden.
KJR: Stichwort Übersetzungen. Streben Sie Übersetzungen in andere Sprachen an? Sehen Sie gute Chance für solche Übertragungen? Hierbei würde mich vor allem der Aspekt‚ deutschsprachige Originale in englischsprachiger Fassung interessieren.
KU: Übersetzungen sind immer eine schöne Sache. Früher gab es von „Kinderschwester Angela“ Übersetzungen ins Tschechische. Die Belege hüte ich daheim. Ob deutschsprachige Originale auf dem englischsprachigen Markt erfolgreich wären, würde sicherlich stark vom Marketing abhängen. Aber warum nicht?
KJR: Hat Katrin Ulbrich Pseudonyme genutzt? Wenn ja, können Sie uns einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen benutzt?
KU: O ja, Pseudonyme gibt es bei mir einige. Sowohl männliche als auch weibliche. Meist, weil der Verlag es so vorsieht. Das hängt mit Überlegungen zum „Gesamtpaket Romanheft“ zusammen, das in sich stimmig sein muss. Der „Bergdoktor“ erscheint unter Andreas Kufsteiner, einem Serien-Pseudonym. Ich war unter anderem schon Jack Slade, Caroline Thaneck und Verena Kufsteiner (beim „Bergdoktor“-Spin-Off: „Das Berghotel“). Mein echter Name würde sich nicht sehr klangvoll auf einem Titelbild ausmachen. Aus diesem Grund habe ich mich auch für Katja Martens entschieden, als ich vor einigen Jahren eine eigene Tierarzt-Serie gestartet habe.
KJR: Wie lebt eine Autorin unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert immer.
KU: Home Office ist seit 21 Jahren mein Alltag. Ich stehe früh auf und fange spätestens 6 Uhr mit dem Schreiben an, wenn der Kopf noch frisch und ausgeruht ist. Bis Mittag wird geschrieben. Nachmittags wechselt es: noch ein paar Stunden schreiben, ein Exposee für einen neuen Roman verfassen oder die Recherche für einen neuen Roman. Je nachdem, was gerade ansteht. Oft sind dann auch neue Bücher auszupacken, die der Postbote gebracht hat. Unsere Katze findet es super, dass ich von zu Hause aus arbeite, und hält gern ein Schläfchen neben mir, während ich schreibe. Ansonsten stapft eine kleine Landschildkröte bei uns herum und knabbert alles an, was nicht bei drei in den Schrank geräumt ist.
KJR: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autorin?
KU: Privat wünsche ich mir Gesundheit für meine Familie (einschließlich unserer Tiere). Als Autorin hoffe ich, weiter erzählen zu können, und kann es kaum erwarten, meine Helden in ihre nächsten Abenteuer zu stürzen.
Ich danke für die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen!

Bei COSA##.### stellen wir einzelne Medien vor. Die Auswahl folgt einem Zufallsprinzip. Gerne sind Gastbeiträge möglich.

Freitag, 24. März 2023

Ein Dutzend Fragen an Mario ULBRICH - Das Interview

 Ein Dutzend Fragen an Mario Ulbrich

Mario Ulbrich [mu] (geb. 1964) - als Verfasser von Romanen und Kurzgeschichten aus unterschiedlichen Genres der unterhaltenden Literatur bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten. Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 21. März 2023 geführt.

KJR: Ich habe einige Ihrer Bücher mit Interesse und Gewinn gelesen. Dabei entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden Belletristik, der Actionthriller und auch des Western. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schreiben Sie u. a. Wildwestromane? Erzählen Sie doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen Werdegang?
MU: In meiner Schulzeit habe ich angefangen, Comics zu zeichnen – obwohl ich zum Malen wirklich kein Talent habe. Deshalb habe ich mich sehr bald auf Geschriebenes verlegt, das ich meinen Schulkameraden in der Pause vorlas. Meine Serie um die sogenannte Mühlgrabengang mit mir und meinen Freunden in den Hauptrollen war damals legendär, zumindest in unserer Schulklasse. Die Romantitel in der Vorschau diverser Westheftchen haben mich dann dazu inspiriert, es auch mal mit ‚Schundkrimis‘ und Western zu probieren. Dazu müssen Sie wissen, dass ich in der DDR aufgewachsen bin. Geschmuggelte Romanhefte waren selten und begehrt, und die Titellisten am Ende eröffneten mir eine Welt der noch zu erzählenden Abenteuer.
So habe ich mir meinen eigenen Parker zusammenfantasiert, der bei mir kein Butler, sondern Privatdetektiv war. Die Krimis waren so lang wie ein Schulheft dick war und trugen geklaute Titel wie „Parker und die Mädchenkiller“ oder „Parker lässt die Fetzen fliegen“.
Tja und Western. Welcher Junge mochte die damals nicht? Ich habe einen Brief an den Bastei-Verlag geschrieben: „Lieber Verlag! Falls Sie Western-Manuskripte benötigen, bitte melden Sie sich bei mir.“ Ich nehme an, der Brief wurde von der Stasi kassiert, jedenfalls habe ich nie eine Antwort erhalten. Was aber auch gut war, denn meine ersten Westernschreibversuche sind nie über die Rotaseite hinausgekommen, auf der ich stets die Bewaffnung meines Helden beschrieben habe. Zwei Colts, natürlich! Am meisten geprägt hatten mich die Romane „Der schwarze Larry“ von Geo Barring und „Matlock räumt auf“ von H.C. Nagel, die ich mehrfach gelesen, ja regelrecht studiert habe. Viele andere hatte meine Oma allerdings auch nicht. Ich wusste nicht das Geringste über die Romanheftprodutkion, war aber schwer beeindruckt, von dem, was echte Profis zu Papier gebracht hatten. Und heute weiß ich, dass ich damals unbewusst echte Romanheftproduktion nachgeahmt habe: Die komische Mode, nicht den Titel nach der Story zu wählen, sondern die Story an einen vorgegebenen Titel anzupassen.
KJR: Neben Western haben Sie Texte geschrieben, die anderen Genres zuzuordnen ist. Welche Schwerpunkte setzen Sie hier und wie sehen Ihre weiteren Pläne für abenteuerliche Geschichten oder unterhaltende Belletristik aus? - Sind hier Überraschungen zu erwarten?
MU: Meine Wild-Hunters-Actionserie um den Bogenjäger Erik Maurer ist bei vier veröffentlichten Romanen angekommen (plus eine Novelle). Nummer fünf folgt in diesem Jahr. Sieben sollen es werden, vielleicht neun, mal sehen. In dieser Serie geht es um Aliengeheimnisse, Kryptozoologie und grenzwissenschaftliche Themen. Das ist zurzeit mein Hauptwerk und macht eine Menge Arbeit, weil alles miteinander verzahnt ist und die vorkommenden Theorien nicht erfunden sind. Das heißt, es könnte alles wahr sein. Zumindest werden Leser, die sich mit Grenzwissenschaften befassen, sagen können: Das stimmt! Davon habe ich schon mal gelesen.
Seit ungefähr 15 Jahren schiebe ich den Start einer harten Krimireihe um einen ehemaligen DDR-Fallschirmjäger vor mir her. Ob ich dafür jemals die Zeit finde? Denn da ist auch noch ein dreiteiliges Zeitreise-Abenteuer, das in einem DDR-Tagebau beginnt und etwas mit der mysteriösen Nazi-Glocke zu tun hat.
Nicht zu vergessen soll meine Mountain-Men-Serie im BLITZ-Verlag mindestens noch Teil 10 bekommen, aber eigentlich noch einige mehr. Wenn ich bloß nicht ständig auf Arbeit gehen müsste.
KJR: Western bilden einen gewissen Teil Ihrer Arbeit. Sind deren Handlungen einem bestimmten Serienkosmos zuzuordnen oder arbeiten Sie gezielt nach Exposés?. Wo sehen Sie die Vorteile einer solchen Arbeitsweise und was hat Sie dazu getrieben, Ihre Western zu schreiben? Einige Ihrer in Nordamerika spielenden Geschichten beschäftigen sich mit den frühen Mountain Men. Warum haben Sie gerade diese Epoche als Hintergrund für Ihre Western gewählt?
MU: Meine Mountain-Men-Romane gehören zusammen. Sie bauen chronologisch aufeinander auf, neben den Serienhelden Jed und Mel gibt es etliche wiederkehrende Nebenfiguren. Ich arbeite nach ausführlichen Exposés, die ich zwar recht formlos schreibe, da ich sie anders als Romanheftautoren nirgendwo vorlegen muss, aber darin ist konkret festgelegt, was der Reihe nach passiert. Im Laufe der Jahre sind meine „Drehbücher“ immer umfassender geworden, denn diese Arbeitsweise hat sich bewährt. Handlungsteile miteinander zu verzahnen, gelingt mir so wesentlich besser als das beim Aus-dem-Bauch-heraus-schreiben möglich wäre. Auch hilft es, wenn man wie ich größere Pausen beim Schreiben einlegen muss. Wenn ich aufgrund meiner Arbeit oft tagelang nicht dazukomme, an einem Roman weiterzuarbeiten, verliere ich trotzdem nie den Faden. Alles, was wichtig ist, steht ja im „Drehbuch“. Meine Western spielen übrigens alle in der kurzen Ära der Mountain Men. Andere habe ich noch nicht geschrieben. Ich liebe diese Zeit einfach. Sie ist Abenteuer pur. Nach 1840 wird es mir langweilig im Westen und ein Western, der um 1900 spielt, ist für mich fast schon SF. 😊
KJR: Könnte man Ihre Western dem klassischen amerikanischen formelhaften Western zuordnen, wie er z. B. In den Pulp Magazines gepflegt wurde? Solche Texte haben inzwischen auch schon eine lange Tradition und sie sind durch Übersetzungen oder auch deutschsprachige Originalveröffentlichungen hierzulande weit verbreitet. Wie sind Sie dazu gekommen, selbst Wildwestromane zu schreiben, was fasziniert Sie an diesem Subgenre der spannungsreichen Unterhaltungsliteratur und wo liegen Ihre Vorbilder im Bereich des Western?
MU: Ich sehe meine Western in erster Linie als actionreiche Abenteuerromane an. Letztlich ist der Western ja nichts anderes als ein Abenteuerroman, der halt zufällig im amerikanischen Westen in einem bestimmten Zeitraum spielt. Western gelesen habe ich unzählige, aber mein Vorbild ist nicht im Western zu suchen, sondern bei den Sharpe-Romanen von Bernard Cornwell. Meine Mountain Men sind mehr Sharpe im Westen als Nachahmer von Lederstrumpf oder Louis L’Amour. Nicht zufällig taucht immer wieder mal eine Baker-Rifle auf und wenn meine Schlachten hier und da etwas größer ausfallen als man das erwarten würde, kennen Sie jetzt den Grund dafür. Allerdings bemühe ich mich um größtmögliche Authentizität. Bloß Kämpfe kann es eben nie genug geben.
KJR: Der traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos gesehen (z.B. Peter Bischoff), Ähnliches klingt auch schon bei Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?
MU: Die sind mir herzlich egal. Ein Western ist für mich gute Unterhaltung. Da sollte man nicht groß etwas hineininterpretieren.
KJR: Neben traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska) und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von solchen Randerscheinungen des Genres und schreiben Sie selbst so etwas?
MU: Wenn sie interessant gemacht sind, warum nicht? Alle diese Spielarten haben ihre Berechtigung, finde ich. Ich selbst mag Adult-Western nicht unbedingt, dafür gibt es ja Pornos. Andererseits: Die besten Pornos waren aufwendige Kostümschinken, warum also nicht auch im Wilden Westen? Oder: Ich mag Western, die im amerikanischen Südwesten spielen, nur sehr bedingt und alles ab Mexico überhaupt nicht. Zu warm. Doch ich bin ja nicht der Gradmesser. Andere Leser lieben den amerikanischen Südwesten und das ist vollkommen in Ordnung. Mein Ding ist eben der Norden. Montana, Wyoming – und lieber Kanada als New Mexico. Aber das wohl nur, weil ich dorthin lieber in den Urlaub fahren würde.
KJR: Immer wieder wird z.B. im Internet oder an anderer Stelle eine Krise des Western bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Wie schätzen Sie die derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben von Western widmen möchte?
MU: Ja, das Publikumsinteresse ist beim weitem nicht mehr das, was es mal war. Das trifft aber auch auf andere Genres zu, etwa den Mantel- und Degen- oder den Sandalenfilm und ihre Entsprechungen im Roman. Ab und zu ein aufwendig produzierter Film dieser Genres findet immer sein Publikum und hier und da auch mal ein Roman, aber die großen Zeiten des Western sind vorbei, zumindest in Deutschland. Kommen sie mal wieder? Keine Ahnung, zu wünschen wäre es. Meine Actionthriller verkaufen sich Pi mal Daumen zehnmal so gut wie meine Western und das liegt garantiert nicht daran, dass die Western keine schöne Aufmachung hätten. Das große Publikumsinteresse fehlt. Daher hinke ich mit meinen Plänen für die Mountain-Men-Serie auch hinter meiner eigenen Planung her. Die Wild Hunters gehen einfach vor. Ich muss zwar nicht vom Schreiben leben, aber auch das Taschengeld sollte halbwegs stimmen.
Jungen Autoren kann ich nicht zum Western raten, aber auch nicht davon abraten. Mein Rat ist: Schreibt, worauf ihr Lust habt, und wenn das ein Western sein soll – nur zu! „Wind River Gold“, meinen ersten Mountain-Men-Roman, habe ich geschrieben, weil ich das wollte, nicht weil ich mir Reichtum ausgemalt habe, und ich weiß noch, dass ich mir damals gesagt habe, wenn ich 100 Leser finde, bin ich glücklich. Inzwischen (10 Jahre später) sind um die 2000 Exemplare weggegangen.
KJR: Ihre Western erscheinen zumeist als Paperbacks und Ebooks. Für Sammler sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E. schnellstens beendet werden. Liebevoll gemachte Paperbacks oder Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Das bringt mich zum Thema der Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Chancen? Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?
MU: Ich besitze selbst einen eReader, und zwar einen teuren (Kindle Voyage) und ich habe da eine Zeitlang auch drauf gelesen. Aber letztlich bin ich zum gedruckten Buch zurückgekehrt. Damit bin ich aufgewachsen und das liebe ich über alles. Nichts geht über ein hübsch gestaltetes Buch auf Papier. Aber okay, das ist Oldschool. Die tatsächlichen Verhältnisse sind so, dass knapp 80 Prozent meiner verkauften Exemplare eBooks sind, knapp die Hälfte davon geliehene eBooks über Amazon Unlimited, also über eine Flatrate, bei der die Leser die Dateien nicht mal ansatzweise besitzen möchten, geschweige denn, sich ein gedrucktes Buch kaufen.
KJR: Stichwort Übersetzungen. Streben Sie Übersetzungen in andere Sprachen an? Sehen Sie gute Chance für solche Übertragungen? Hierbei würde mich vor allem der Aspekt ‚deutschsprachige Originale in englischsprachiger Fassung‘ interessieren.
MU: Über Übersetzungen würde ich mich freuen, welcher Autor würde das nicht? Aber ich glaube nicht, dass da etwas kommt. Der Redrum-Verlag, bei dem meine Action-Thriller erschienen sind, hat versucht, auf dem englischsprachigen Markt Fuß zu fassen, die Übertragungen nach den ersten Titeln aber wieder aufgegeben.
KJR: Hat Mario Ulbrich Pseudonyme genutzt? Wenn ja, können Sie uns einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen benutzt?
MU: Früher habe ich humoristische Sachen unter meinem Klarnamen veröffentlicht, auch meine ersten Kriminal- und Horrorgeschichten sind so veröffentlicht worden. Bis ich mehr Ernsthaftes schrieb und mir dachte, dass mein Name ein Stimmungskiller für Western oder Thriller ist. Würden Sie ein Mountain-Men-Abenteuer von einem Typen namens Mario Ulbrich lesen? Ich nicht. Meine Western sind daher alle unter John F. Cooper erschienen, wobei das vor allem mit dem Schriftbild zu tun hatte und mir erst hinterher klarwurde, dass ich unterbewusst ein Pseudonym gewählt hatte, das sehr gut zur Zeit der Vorderlader und Lederritter passt. Meine Thriller erscheinen unter U.L.Brich, was ein wenig augenzwinkernd ist, aber härter klingt als mein Allerweltsname.
KJR: Wie lebt ein Autor unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert immer.
MU: Zuallererst geht er mal auf Arbeit und am Abend hat er keinen Bock mehr darauf, irgendetwas zu schreiben, weil er den ganzen Tag nichts anderes getan hat. Telefonieren, herumfahren und schreiben. Ich bin Reporter bei einer großen Tageszeitung in Sachsen, damit verdiene ich mir seit 35 Jahren meine Brötchen, obwohl der Journalismus nur ein Abfallprodukt meines Hobbys, der Geschichtenschreiberei, ist. Das wird sich bis zu meiner Rente auch nicht mehr ändern, weil ich nicht bereit bin, die Geschichten zu schreiben, nach denen die Verlage gerade gieren. Ich will das schreiben, worauf ich Lust habe. Wie gut, dass die Schriftstellerei ein Hobby geblieben ist (obwohl ich manchmal schon damit hadere).
Immerhin habe ich seit drei Jahren eine Teilzeitregelung, das heißt, ich habe jeden Monat eine Woche frei, in der ich mich meinen Schreibprojekten widmen kann. Dann fange ich nach dem Frühstück, während dem ich ein Buch lese, so gegen 9 Uhr mit der Schreiberei an. Ich nehme mir immer einen bestimmten Handlungsabschnitt aus meinem „Drehbuch“ vor. Das können mal drei Seiten werden, mal zehn. Im Schnitt sind es fünf bis sieben. Danach ist Zeit für ergänzende Recherchen und das nochmalige Durchlesen des Geschriebenen. Überarbeitungen gibt es bei mir kaum. Ich schreibe langsam, aber ein Absatz, der steht, steht.
Nachmittags, wenn meine liebe Frau ihr (ungleich größeres) Pensum für Lassiter, den Bergdoktor oder Dr. Stefan Frank bewältigt hat, gehen wir eine Runde in den Wald, um den Kopf auszulüften und am Wochenende sind wir gerne in der Wildnis unterwegs. Mountain-Men-Feeling. Aber bitte mit Dusche am Abend! Man muss es ja nicht übertreiben.
KJR: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autor?
MU: Ich wünsche mir, dass unser Leben so schön bleibt, wie es ist. Wir haben uns gesucht und gefunden. Darüber hinaus wäre allerdings ein großer Lottogewinn optimal, denn dann könnte ich zu Hause bleiben und nur noch Geschichten schreiben. Und meine Frau käme endlich mal dazu, eins ihrer Wunschprojekte umzusetzen, die derzeit hinter der Heftchenschreiberei zurücktreten müssen.
KJR: Ich danke für die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen! 

Dienstag, 21. März 2023

Ein Dutzend Fragen an Stefan BARTH - Das Interview

Ein Dutzend Fragen an Stefan Barth


Stefan Barth [sb] (geb. 1967) - als Verfasser von Taschenbüchern und Ebooks sowie als Autor von Drehbüchern bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten. Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 20. März 2023 geführt.

KJR: Ich habe einiges über Ihre Westernserie RONDO gelesen. Dabei entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden Belletristik darunter auch Western sowie beim Verfassen von Drehbüchern für TV- und Filmproduktionen. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schreiben Sie Wildwestromane? Erzählen doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen Werdegang?

SB: Erstmal danke für das Interesse. Schreiben hat mich schon seit der Schulzeit umtrieben; die Idee für den Held meiner Western-Serie RONDO kam mir tatsächlich bereits während des Abiturs. Film war ebenfalls eine immer größer werdende Leidenschaft und während meines Film- und Fernsehwissenschaft-Studiums in Bochum habe ich begonnen erste Drehbücher zu schreiben, bis ich 1997 zum ersten Mal professionell für die Action-Serie DER CLOWN geschrieben habe (unter anderem eine „Western“ Folge). Seitdem bin ich freiberuflicher Drehbuchautor und habe viele Bücher für diverse Filme und Serien geschrieben.

Als Liebhaber von Genre-Stoffen, die in Deutschland immer schwer zu realisieren waren (inzwischen wird es dank den Streamern besser) habe ich neben den „Butter-und-Brot-Drehbüchern“ immer wieder reine Genre-Drehbücher geschrieben, die es aber nie bis zur Produktion gebracht haben. 2015 habe ich dann eins davon, DRECKSNEST (eine Art Western im Deutschland der Gegenwart) zum ersten Mal als Roman umgesetzt und über Amazon selbst veröffentlicht. Es folgten dann weitere Romane in verschiedenen Genres (2. Weltkrieg, Horror, Thriller und schließlich Western).

KJR: Neben Western haben Sie Texte geschrieben, die anderen Genres zuzuordnen ist. Welche Schwerpunkte setzen Sie hier und wie sehen Ihre weiteren Pläne für abenteuerliche Geschichten oder unterhaltende Belletristik aus? - Sind hier Überraschungen zu erwarten?

SB: Als ich angefangen habe neben der Drehbucharbeit auch Romane zu schreiben, war das zunächst nur ein Ventil, um ohne Input von anderen endlich die Art von Geschichten zu erzählen und zu veröffentlichen, die ich persönlich liebe. Amazon bzw. Kindle Direct Publishing hat da vielen wie mir die Tore geöffnet – plötzlich konnte man ohne die Gatekeeper bei den Verlagen veröffentlichen und inzwischen so professionell, dass es mehr oder weniger keinen Unterschied mehr zwischen Indie-Publishing und Verlagsveröffentlichungen gibt – außer, dass viele Indie-Publisher wesentlich mehr Geld verdienen.

Anfangs bin ich zwischen den Genres gesprungen, was es Autor*innen schwerer macht, weil die Leser sie nicht in eine Schublade stecken können. Mein Weltkriegsroman war bislang mein erfolgreichster, und das Gesetz des Marktes hätte eigentlich diktiert, dass ich mehr davon schreibe, was ich aber (bislang) nicht getan habe. Jetzt fokussiere ich mich gerade auf meine große Liebe, den Western, und versuche mich dort als „Marke“ zu etablieren. Aber tatsächlich plane ich eine zweite Roman-Reihe, diesmal geht es um einen Abenteurer zur Zeit des ersten Weltkriegs. Grundsätzlich stehe ich nach wie vor auch anderen Genres wie Thriller und Horror offen gegenüber, aber da entscheiden ein bisschen die Leser und die Bücher, die sie von mir kaufen mit.

KJR: Western bilden einen gewissen Schwerpunkt Ihrer Arbeit. In jüngerer Zeit haben Sie mit Rondo eine Serienfigur geschaffen, deren Handlungen einen bestimmten Serienkosmos zugeordnet werden können. Wo sehen Sie die Vorteile eines solchen Handlungskonzepts und was hat Sie dazu getrieben, Western zu schreiben?

SB: Wie bereits erwähnt, liebe ich Western seit meiner Kindheit. Zweifelsohne mein Lieblings-Genre. Vor allem die Filme von Howard Hawks, Anthony Mann, Sam Peckinpah und Sergio Leone haben mich geprägt, aber natürlich auch viele, viele andere. Was die Literatur betrifft ist LONESOME DOVE von Larry McMurtry mein Alltime-Favorite. Für mich wahrscheinlich mit Abstand der beste Western-Roman ever. Mit RONDO wollte ich einen Pulp-Helden kreieren, der die Elemente des klassischen Westerns mit denen des Spaghetti-Westerns kombiniert und gleichzeitig einigermaßen authentischen, historischen Background liefert.

Außerdem wusste ich, dass ich viele Geschichten mit Rondo erzählen kann/will und Serien sind für Autoren immer ein gutes Geschäft (vorausgesetzt natürlich, sie kommen an ). Die Grundidee, dass Rondo mit einer Kugel im Kopf herumläuft, die ihn jederzeit töten kann, kam mir tatsächlich erst bei der Arbeit am ersten Roman „Sechs Kugeln für den Bastard“, den ich während des ersten Corona-Lockdowns 2020 innerhalb von drei Monaten geschrieben und veröffentlicht habe.

KJR: Könnte man ihre Rondo-Romane dem ‚Weird Western‘ zuordnen? Solche Texte haben inzwischen auch schon eine lange Tradition und sie sind mir in deutscher Sprache erstmals mit Romanen wie Thomas Mayne Reids „Der Reiter ohne Kopf“ (The Headless Horseman) bzw. der schönen Geschichte Will Henrys „Der Geisterwolf vom Thunder Mountain“ begegnet. Später gab es dann im Bereich der Romanhefte Grusel- und Geister-Western. Was fasziniert Sie an diesem Subgenre und wo liegen Ihre Vorbilder im Bereich des Western?

SB: Nein, die RONDO-Romane sind keine „Weird Western“. Es sind geradlinige Western ohne Horror-Elemente.

KJR: Der traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos gesehen (z.B. Peter Bischoff), Ähnliches klingt auch schon bei Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?

SB: Mit solchen Thesen oder Äußerungen kenne ich mich ehrlich gesagt gar nicht genug aus, um sie zu kommentieren. Was mich persönlich am Western-Genre fasziniert, ist die Geradlinigkeit der Geschichten, die immer auch Parallelen zur Moderne enthalten und gleichzeitig die Komplexität, die man den Charakteren geben kann, was natürlich auch mit der amerikanischen Pionierzeit und ihren diversen Einflüssen durch Menschen aus der ganzen Welt zusammenhängt.

KJR: Neben traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska) und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von solchen Randerscheinungen des Genres und schreiben Sie selbst so etwas?

SB: Grundsätzlich finde ich Randerscheinungen und Sub-Genres immer interessant. Manche funktionieren besser (bei Horror-Elementen denke ich an den Film BONE TOMAHAWK), manche schlechter (COWBOYS & ALIENS). Western-Elemente findet man heute ja vor allem im Krimi und Thriller-Bereich wieder, besonders in amerikanischen Serien wie LONGMIRE und JUSTIFIED oder Filmen wie WAY OF THE GUN (liebe ich!) und vielen anderen. Mein Weltkriegsroman ES WAR EINMAL IN DEUTSCHLAND, der ab 26. Mai als Film unter dem Titel BLOOD & GOLD auf Netflix zu sehen sein wird, entstand aus der Idee klassische Western-Elemente in den zweiten Weltkrieg zu packen.

KJR: Immer wieder wird z.B. im Internet oder an anderer Stelle eine Krise des Western bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Wie schätzen Sie die derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben von Western widmen möchte?

SB: Der Western ist auf dem Buchmarkt ja schon lange nicht mehr so dominant wie in den Sechziger, Siebziger und Achtziger Jahren, ähnlich im Film- und Comicbereich. In Amerika ist das Genre noch etwas lebhafter als in Deutschland und Europa allgemein, aber bestimmt auch geschrumpft.

Seit ich die RONDO-Western schreibe, beobachte ich das noch mal genauer. Ein Blick in die Amazon-Western-Charts zeigt eigentlich ausschließlich moderne Romance-Literatur mit Rocky-Mountain-Background oder Western-Hefte von G.F. Unger und Jack Slade. Längere Western-Romane findet man in Deutschland so gut wie gar nicht (bis auf wenige Ausnahmen wie Alfred Wallon u.a.), zumindest nicht in den Charts. Nicht mal übersetzte amerikanische Autoren wie die Klassiker Louis L’Amour, Elmer Kelton und viele andere. Also ist der Western wahrscheinlich nicht unbedingt das naheliegendste Genre um viel Geld zu verdienen.

Bei der Auswertung von Facebook-Werbung zum Beispiel sehe ich, dass mein Zielpublikum erst ab Mitte 50 beginnt, bei den Jüngeren ist das Genre fast nicht existent. Das ist natürlich schade und kann sich nur ändern, wenn der Western wieder mehr „Awareness“ bei einem breiteren Publikum findet. Keine Ahnung, ob das möglich ist, ich versuche es jedenfalls. Bei Filmen und Serien gibt es ja immer wieder mal „klassische“ Western, die beim Massenpublikum erfolgreich sind. Was junge Kollegen betrifft: Grundsätzlich würde ich erst mal das schreiben, was mir Spaß macht, und wenn das Western sind: Go for it. Aber natürlich muss man auch kommerzielle Gesichtspunkte betrachten, wenn man Geld verdienen will. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn es weitere neue Autoren im Genre gibt.

KJR: Ihre Western erscheinen zumeist als Paperbacks und Ebooks. Für Sammler sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E. schnellstens beendet werden. Liebevoll gemachte Paperbacks oder Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Das bringt mich zum Thema der Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Chancen? Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?

SB: Mit Kindle und den EBooks hat Amazon den Buchmarkt revolutioniert, für Leser und für Autoren. EBooks sind heute einfach nicht mehr wegzudenken. Ich liebe beides und veröffentliche meine Romane sowohl als EBooks als auch als Paperback. Grundsätzlich verkaufen sich EBooks besser als Paperbacks, aber bei den RONDO-Western gehen auch die Paperbacks sehr gut, was wahrscheinlich wieder damit zu tun hat, dass Western-Leser momentan noch der älteren Generation angehören, die grundsätzlich eher zum klassischen Buch tendiert.

KJR: Stichwort Übersetzungen. Streben Sie Übersetzungen in andere Sprachen an?. Sehen Sie gute Chance für solche Übertragungen? Hierbei würde mich vor allem der Aspekt‚ deutschsprachige Originale in englischsprachiger Fassung‘ interessieren.

Natürlich denke ich auch über Übersetzungen nach. Vor allem bei den Western ist der englischsprachige Markt von Interesse, denke ich. Aber auch, was meine anderen Bücher betrifft. Übersetzungen sind allerdings mit hohen Kosten verbunden, die man als Indie-Autor erst einmal selbst aufbringen muss – außerdem ist es wirklich schwierig den internationalen Markt zu knacken, der einfach riesig ist. Selbst in Deutschland mega-erfolgreiche Autoren haben Probleme dort Erfolg zu finden. Wir haben zwar inzwischen auch die Möglichkeit zur Werbung über Amazon oder auch Facebook, mit der man eine größere Leserschaft erreichen kann, aber auch das ist mit Kosten verbunden, für die erst einmal Geld vorhanden sein muss.

KJR: Hat Stefan Barth Pseudonyme genutzt? Wenn ja, können Sie uns einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen benutzt?

SB: Tatsächlich habe noch nie ein Pseudonym benutzt. Als ich anfing, die RONDO-Western zu schreiben, habe ich mit dem Gedanken gespielt, so wie es ja in Deutschland (vor allem bei Heftromanen) von vielen gehandhabt wird. Aber dann hätte ich ein zweites Autoren-Profil zu bewerben gehabt und ich wollte einfach alles unter einem Dach halten. Und seien wir ganz ehrlich, die meisten Pseudonyme sind doch eher albern und jeder weiß, dass kein Amerikaner dahinter steckt.

KJR: Wie lebt ein Autor unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert immer.

SB: Ich arbeite jetzt seit fünfundzwanzig Jahren als freiberuflicher Autor. Das hat viele Vorteile: Geld mit dem zu verdienen, was man liebt, eigene Arbeitseinteilung, flexibler im Familienleben, aber auch ungewisse Zeiten und letztendlich wahrscheinlich mehr Arbeit als wäre ich irgendwo angestellt. Aber das schöne ist ja, das ich Schreiben gar nicht als „Arbeit“ betrachte.

Was den Arbeitsablauf betrifft: Ich schreibe tatsächlich die meiste Zeit in einem Café um die Ecke, das zu einer Arbeit Büro geworden ist. Ist ein bisschen so wie „zur Arbeit“ zu gehen. Wenn die Kinder in der Schule sind, gehe ich zum Sport, dann fange ich an zu schreiben (oder zu denken) und das bis meist 16 oder 17 Uhr. Bei Drehbüchern habe ich Deadlines, die einzuhalten sind. Dazu kommen die Romane, die parallel entstehen und oft auch außerhalb der „regulären Bürozeiten“. Ich arbeite mit einem Macbook Air, brauche Kaffee und manchmal auch Musik, meistens Soundtracks.

KJR: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autor?

Privat das übliche, Gesundheit und Zufriedenheit – als Autor wünsche mir einfach weiterhin mit dem Schreiben Geld verdienen zu können und die Roman-Arbeit noch aktiver zu betreiben als es sowieso schon der Fall ist.

KJR: Ich danke für die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen!

Freitag, 17. März 2023

Ein Dutzend Fragen an Ludwig WEBEL - Das Interview

Ein Dutzend Fragen an Ludwig WEBEL


Ludwig Webel [lw] (geb. 1957) - als Verfasser zahlreicher Taschenbücher, Hardcover und Romanhefte bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten. Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 13. März 2023 geführt.

Ludwig Webel - Foto by Peter Fritschi

KJR: Ich habe zahlreiche Ihrer Romane mit Interesse und Gewinn gelesen. Dabei entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden Belletristik und dabei im Bereich des Western. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schrieben/schreiben Sie Wildwestromane? Erzählen Sie doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen Werdegang.

LW: Vielen Dank! Ausgelöst wurde meine Western-Schreiblust wohl durch drei Autoren, die aus sich heraus ein umfangreiches und ganz eigenes Wildwest-Universum geschaffen hatten, das sie über viele Jahre ganz allein betreuten: Karl May, Konrad Kölbl (als Conny Cöll) und Albrecht Peter Kann (als William Mark / Frank Laramy). Diesen Vorbildern entsprechend habe ich bis heute immer nur Romane mit dem Trapper, Scout und Indianeragenten Kit Carson geschrieben – wobei „meiner“ ein „historisch paralleler“ Kit Carson ist: Der historische Hintergrund stimmt, doch Aussehen, Persönlichkeit und Erlebtes sind anders.

KJR: Neben Western haben Sie gelegentlich kürzere Essays für Zeitschriften geschrieben und auch Bücher übersetzt, die inhaltlich nicht unbedingt dem Bereich des Western zuzuordnen sind. Welche Schwerpunkte setzen Sie und wie sehen Ihre weiteren Pläne in Bezug auf Übersetzungen und eigene Schriften aus? Sind hier Überraschungen zu erwarten?

LW: Bei meinen Essays habe ich mich nur selten von der Westernszene entfernt. Für die „Blätter für Volksliteratur“ schrieb ich bereits vor Jahrzehnten über Protagonisten von Frauenromanserien (Arzt, Adel, Familien), aber vorwiegend über mir besonders gelegene Autoren wie Kann, Kölbl (siehe oben) und Jürgen Duensing. Kölbl und Duensing durfte ich persönlich kennenlernen, für mich eine enorme Bereicherung. Für das „Sammlerherz“ habe ich einen zweiteiligen Artikel über Roy Rogers verfasst und einen über Karl May-Pastiches. Die Inhalte des seit vielen Jahrzehnten laufenden italienischen Westerncomics TEX, dessen Autoren und zahlreiche Zeichner bespreche ich ebenfalls in fortlaufenden Artikeln im „Sammlerherz“.

Meine Übersetzer-Diplomarbeit „Semiotische Analysen zu Comic Strips und ihrer Übersetzung“ öffnete mir den Weg zu den damaligen Comic-Verlagen Splitter, Feest und Ehapa, für die ich ungefähr drei Dutzend Alben übersetzte, u.a. „Tanguy und Laverdure“ sowie Werke von Hugo Pratt. Aber (natürlich) auch Western, „Jonathan Cartland“ und Sergio Toppis „Mann von Mexiko“. Mein Traum bleibt, eine Auswahl der regulären monatlichen TEX-Alben zu übersetzen (weit über 700 mit mindestens je 110 Seiten pro Band), aber dazu fehlt hier wohl der Markt.

Weitere Überraschungen sind nicht zu erwarten.

KJR: Spannungsreiche Belletristik mit Kit Carson als Protagonist bildet den Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Die historische Persönlichkeit Kit Carson spielt in zahlreichen Veröffentlichungen unterschiedlichster Art eine Rolle. Ich denke hier an Filme, wie John Waynes ‚The Alamo‘ oder Kit Carsons regelmäßiges Auftreten in der italienischen Comicserie ‚Tex‘. Unter welchen Gesichtspunkten haben Sie ihren Kit Carson gestaltet und wie sehen sie andere mediale Gestaltungen der Figur?

LW: Gut, dass Kit Carson 1836 von Fort Alamo weit genug weg war. Da hatte er sein legendäres Duell mit dem Riesentrapper Shumar und heiratete die Indianerin Waanibe.

Richtig, es waren die zahlreichen Gesichter Kit Carsons in Comics, die mich nach dieser historischen Figur greifen ließen. Nur einige Beispiele, wo er vorkommt: Eine Ausgabe der „Illustrierten Klassiker“ ist ihm gewidmet, bei Rino Albertarelli ist er ein Glatzkopf mit Riesenschnurrbart, in Warren Tufts’ „Lance“ ein blonder Draufgänger, in TEX hat er seit 80 Jahren einen Schnurr- und Spitzbart. In der „Storia del West“ (75 Comicalben in meiner Ausgabe) ähnelt er durchaus dem historischen Vorbild, bei Fleetway hat er eine blonde Mähne. Diese Geschichten erschienen bei uns im Walter Lehning-Verlag, da habe ich die blonde Mähne übernommen. Sonst nichts. Es war diese Vielfalt im Comic, die mich veranlasste, einen eigenen Kit Carson zu schaffen, jedoch in Romanform.

KJR: Neben Kit Carson haben Sie – wenn ich recht orientiert bin - auch Western zum Teil in Zusammenarbeit mit Alfred Wallon geschrieben. Wie sehen sie eine solche Zusammenarbeit mit anderen Autoren heute und wo liegen Ihre Vorbilder im Bereich des Western?

LW: Die Zusammenarbeit im selben Roman stelle ich mir gerade im Western problematisch vor. Ich finde auch gerade kein Beispiel. Außer, in der Tat, Alfred Wallon und ich. Es gibt einen Roman, zu dem er die erste Hälfte geschrieben hat und ich die zweite. Und eine Erzählung, deren Rahmen ich geschrieben habe, der er den Inhalt folgen ließ. In seine eigene Ranchserie, die unter verschiedenen Titeln lief, durfte ich Romane und Erzählungen einbringen, in denen ebenfalls immer Kit Carson mitspielt. Wir sind seit über 40 Jahren befreundet. Ich weiß, wie sehr ich ihn als Autor und vor allem als Mensch zu schätzen habe, doch dass er zwei meiner Protagonisten selbstständig umgelegt hat, werde ich ihm ewig nachtragen. An dieser Stelle darf ich jedoch versichern, dass sie nur scheintot waren.

Aber in Serien funktioniert die Zusammenarbeit der Autoren mit ihren Einzelromanen. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, von „Billy Jenkins“ bis „Texas-Marshal“. Extra erwähnen möchte ich die Autorenfreunde Jürgen Duensing und Mario Werder, die beide leider verstorben sind. Als Frank Callahan und Dan Roberts haben sie die „Skull Ranch“ und „Die harten Vier“ harmonisch über Jahre gestaltet.

Konzeptuell“ sind wie erwähnt Karl May, Konrad Kölbl und A.P. Kann meine bewunderten Idole. Inhaltlich, thematisch und stilistisch habe ich, zumindest bewusst, keine.

KJR: Der traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos gesehen (z.B. Peter Bischoff), Ähnliches klingt auch schon bei Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?

LW: Dazu drei Antworten:

1. Sich als aktiver Autor mit literaturwissenschaftlichen Interpretationen des eigenen Sujets auseinanderzusetzen mag sich nicht vorteilhaft auf die eigene kreative Schaffenskraft auswirken. Den Western als sekundäres semiologisches System habe ich ein wenig verfolgt, z.B. bei Georg Zurlo und Karl N. Renner. Da war aber kein Einfluss auf mein Wirken zu befürchten.

2. Die obigen Ansätze finden im Rahmen der Amerikanistik statt. Somit haben sie natürlich den amerikanischen Western als Schwerpunkt, und mit ihm die amerikanischen Autoren. Aber wie Englisch als Weltsprache in jedem Land stets eigene Wege geht, ist das ebenso im Westerngenre geschehen, schon seit anderthalb Jahrhunderten. Mein Forschungsinteresse gälte somit eher den deutschen bzw. europäischen Kontribuenten.

3. Bei den oben erwähnten Forschungen dienen Autoren und Werke zu Exemplifizierungen theoretischer Ansätze. Dieser Zugang fehlt mir, weil ich (durchaus einseitig, zugegeben) eher eine begrenzte Zahl von Autoren verfolge, deren langjähriges Wirken sich in ihrem eigenen seriellen Kosmos vollzogen hat.

KJR: Neben traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska) und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von solchen Randerscheinungen des Genres und könnten Sie sich vorstellen, selbst so etwas zu schreiben?

LW: Nein, ich bleibe ganz bestimmt in meinem in vier Jahrzehnten geschaffenen Kit Carson-Universum. Dazu habe ich jüngst eine achtseitige Chronologie seiner sämtlichen Abenteuer von 1830 bis 1863 erstellt, mit Inhaltsangaben. Da war ich von mir selbst beeindruckt. Sie erscheint mit im Buch "Rinder, Rancher und Revolten", für 2023 vorgesehen.

Aber in den oben erwähnten Varianten gibt es überall originelle, einfallsreiche Beiträge, was im Adult Western z.B. durch einige Lassiter-Autoren (und mindestens zwei Autorinnen) belegt wird, im Horrorbereich durch Walter Appel, im Northern durch Christopher Ross (Thomas Jeier). Es gibt auch Afrika-Western, siehe J. T. Edson (bei dem auch mindestens einmal Außerirdische vorkommen). Im Western-Comic gibt es noch ungleich mehr Potential. Dort finden wir auch Saurier, Lost Races und Übernatürliches vor. Wo es passt, da passt es. „Magico Vento“ (Zauberwind), mit einem Poe-ähnlichen Sidekick, war so etwas wie ein Gothic Western und brachte es auf ungefähr 130 überwiegend großartige Alben.

KJR: Heute wird immer wieder, z.B. im Internet oder an anderer Stelle, eine Krise des Western bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Können Sie dies bestätigen? Wie schätzen Sie die derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben von Western widmen möchte?

LW: Die Szene ist überall geschrumpft, auch in den Staaten! Die „Botschaft“ des Western wurde auf dem Bildschirm nach dem Auslaufen der großen klassischen Serien in andere Konzepte transponiert, von „Dallas“ bis „Yellowstone“. Aber auch „Renegade“, „Walker, Texas Ranger“ und vor allem (Jack) „Reacher“ mit Alan Ritchson – gerade diese neue Serie bietet die Botschaft des Western in Reinkultur.

Könnte man Nachwuchs-Autoren raten, auf diesen Zug „literarisch“ aufzuspringen? Oder aktuellen Themen wie z.B. der „Geschlechter-Frage“ in der amerikanischen Vergangenheit nachgehen? Die Krimi-/Detektiv-Welle in den Wilden Westen verlegen? Oder wie Mario Ulbrich (als John F. Cooper), den ich sehr schätze, die archaische Trapperwelt des ganz frühen 19. Jahrhunderts detailreich und drastisch wiederauferstehen lassen? Ich kann da sicher kein Patentrezept finden. Außer lange genug konsequent durchhalten.

KJR: Ihre Bücher erscheinen heute z.B. im Blitz-Verlag. Als Veröffentlichungsmedien sind Paperback, Hardcover sowie Ebook, sowie im Randbereich auch Romanhefte etabliert. Für Sammler sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E. Schnellstens beendet werden. Als ‚Lesefutter‘ sind Ebooks inzwischen allerdings beliebt und haben somit auch ihre Berechtigung. Liebevoll gemachte Paperbacks oder Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Das bringt mich zum Thema der Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Chancen? Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?

LW: Natürlich bin ich old school und von dem Outfit, das meine Verleger meinen Büchern gegeben haben, in allen Fällen sehr angetan. Auch ich erscheine in Ebook-Form, habe aber nie verfolgt, in welcher Form den Rezensenten (sprich: engagierten Interessenten) mein Werk vorgelegen hat, als sie es sich zur Brust genommen haben. Gerne würde ich in Ebooks das Potential eines erleichterten Zugang zu anderssprachigen Ländern sehen, aber da hat z.B. mein Autorenfreund Alfred Wallon eher enttäuschende Erfahrungen gemacht.

KJR: Mir ist bekannt, dass Sie viel Zeit in Recherchen für Ihre Romane gesteckt haben und zudem ein guter Kenner italienischer Westerncomics sind, wie z. B. Ihre Übersetzung (und Bearbeitung) des Ehapa-Comic-Lexikons belegt. Welchen Wert hat ein korrekt geschilderter historischer Hintergrund für Ihre Arbeit als Autor und wie setzen Sie so etwas in ihren eigenen schriftstellerischen Werken um? Nutz(t)en auch die italienischen Comicschaffenden gut recherchierte Hintergründe oder nicht?

LW: Ich habe mich deshalb so sehr in Kulturen und Landschaften des amerikanischen Westens vertieft, weil sie streckenweise sogar die Handlung tragen können. Und weil sich aus ihnen auch für den Western ein „sense of wonder“ herausarbeiten lässt, wie man ihn sonst eher der Science Fiction zuschreibt. Wie sorgfältig und intensiv ich auch immer Geschichte, Politik und die örtliche Natur für mein jeweiliges Werk recherchiert haben mag – die Anregungen zur eigentlichen Handlung kamen fast immer von außen. Deshalb will ich hier einige verraten:

  •  Der Treck nach Kalifornien: Erle Stanley Gardner, Hubschrauber Höhlen Hindernisse
  •  Intrigen im Westen: Gore Vidal, Burr
  •  Aus fernen Zeiten: José Luis Borges, Die letzte Reise des Odysseus
  •  Das Königreich im Michigansee: Walter Havighurst, Im Lande Lederstrumpfs
  •  Ein Eden für Männer: William Benemann, Men in Eden

Das Große Ehapa Comic-Lexikon war mir damals eine Herzensangelegenheit. Ich selbst lernte viel daraus, konnte die italienischen Comics darin mit ihren deutschen Ausgaben ergänzen, verfasste selbst etliche Inhalte zu deutschen Comics. Der Verfasser, der leider viel zu früh verstorbene Professor Franco Fossati, hat sich noch explizit für meine zusätzliche Fleißarbeit bedankt.

Bei den italienischen „Comic-Schaffenden“ ging, vergleichbar mit deutschen Westernheftautoren, die Palette von schlampig bis hochpräzise, was das Bemühen um historische Korrektheit betrifft. Damals die Indianernamen bei TEX: Der Navajo-Held neben Tex heißt bis heute „Tiger Jack“, die verstorbene Navajofrau von ihm hieß „Lilith“. Berühmte Häuptlingsnamen wurden aber allgemein ins Italienische umgewandelt. An dieser Stelle lasse ich deshalb gern raten: Capo Giuseppe? Cavallo Pazzo? Toro Seduto? - Einerseits waren es wohl die Italiener, die in ihren Westerncomics erstmalig auch Vampire, Werwölfe, Wikinger, Beduinen, Saurier, Außerirdische und Sonstige auftreten ließen, andererseits wurde in den letzten Jahrzehnten immer gründlich recherchiert, wenn es die Hintergründe der jeweiligen Erzählung erforderten. Es gab auch Reihen über historische Persönlichkeiten des Wilden Westens in Comicform. Und selbstverständlich sei Hugo Pratts „Fort Wheeling“ noch erwähnt.

KJR: Hat Ludwig Webel im Lauf der Jahre neben Leslie West andere Pseudonyme genutzt? Wenn ja, können Sie uns einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen benutzt?

LW: Immer nur Leslie West, wegen der Initialen. Ich konnte und kann damit leben, dass der verstorbene „Leslie West“, ein gefeierter Dreizenter-Hardrock-Gitarrist, weit berühmter war und ist als ich. Aber auch der hieß ursprünglich anders, nämlich Leslie Abel Weinstein. Zu schreiben begann ich in einer Zeit, wo „amerikanische“ Pseudonyme gebräuchlich waren.

KJR: Wie lebt ein Autor unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert immer.

LW: Jahrgang 1957 hat den Renteneintritt mit 65 Jahren und 11 Monaten. Ich habe exakt bis zum letzten Tag des elften Monats gearbeitet, keinen mehr und keinen weniger. Meine Arbeit für „München Tourismus“ (eine städtische Behörde) hat mir 37 Jahre überwiegend Spaß gemacht. Ich habe eine Informations-Datenbank mit ca. 13.000 Dokumenten und sieben Terabyte hinterlassen.

Seit Renteneintritt mache ich mir Gedanken, wie ich meine ca. 800 prall gefüllten Bücherkisten (von Hochliteratur in Radja-Ziegen- und handlevantiertem Saffian-Leder bis zum erbittertsten Schundheft) einer würdigen Zukunft entgegenführen kann. Und Tausende von LPs, CDs und DVDs. Aber auch Comics, davon über 2000 allein aus Italien. Alle großen Hansrudi Wäscher-Serien, auch deren sämtliche Nachfolger. Und ich bin leidenschaftlicher Maus-Fan und -Sammler – der Ente mag der Schnabel sauber bleiben.

Mein geliebtes Münchner Dante-Winterfreibad wurde leider geschlossen. Seitdem ziehe ich meine Bahnen im 50-Meter-Becken der Olympia-Schwimmhalle. Nicht zu schnell, altersgemäß. Zu weiterem Sport sollte ich mich endlich wieder aufraffen.

KJR: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autor?

LW: Als Autor: Dass ich weiterhin originelle und ansprechende Themen aus der Geschichte des amerikanischen Westens aufstöbere, die noch nicht breitgetreten worden sind.

Privat: Dass Gattin Ilka ihre hochkomplizierte und problematische Rücken-OP noch möglichst lange aufschieben kann. Dass Sohn Markus seine Arbeit in Karlsruhe so gut gefällt wie sie mir in München gefallen hat. Und dass alle Geimpften und Ungeimpften ihre Corona-Erkrankungen so unbeschadet wie möglich überstehen.

KJR: Ich danke für die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen!

LW: Als Ausbund an Geschwätzigkeit habe ICH an dieser Stelle für diese Plattform zu danken.


Bei COSA##.### stellen wir einzelne Medien vor. Die Auswahl folgt einem Zufallsprinzip. Gerne sind Gastbeiträge möglich.

Mittwoch, 15. März 2023

Ein Dutzend Fragen an THOMAS OSTWALD - Das Interview

 Ein Dutzend Fragen an THOMAS OSTWALD


Thomas Ostwald [to] (geb. 1949) - als Verfasser zahlreicher Taschenbücher, Hardcover und Romanhefte bekannt - hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, ein paar Fragen von Dr. Karl Jürgen Roth [kjr] zu beantworten. Das Exklusiv-Interview für PoMeWe wurde am 12. März 2023 geführt.


KJR: Ich habe zahlreiche Ihrer Romane, Sachbücher und Essays mit Interesse und Gewinn gelesen. Dabei entstand für mich die eine oder andere Frage. Der Schwerpunkt Ihrer schriftstellerischen Arbeit liegt im Bereich der unterhaltenden Belletristik und dabei insbesondere im Bereich des spannenden Abenteuer- und Reiseromans, wozu ich hier auch den Western zähle. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schreiben Sie u. a. Wildwestromane? Erzählen doch bitte etwas über Ihren schriftstellerischen Werdegang?

TO: Mit dem Schreiben habe ich schon während der Schulzeit angefangen – Krimigeschichten in einer Kladde, die unter den Tischen weitergereicht wurde. Auch eine einfache Kinderzeitung, mit ausgeschnittenen Witzen und Rätseln, habe ich damals gemacht. Daraus entwickelte sich ständig das Schreiben von Geschichten bis hin zu Romanen vor historischem Hintergrund wie bei meinen Romanen um Herzog Heinrich der Löwe, Sir Morgan der Löwenritter oder auch ‚Der Untergang des Hauses Ackermann‘ oder die Familiengeschichte ‚Das Haus Leupolth‘.

KJR: Neben Western haben Sie so manche abenteuerliche Geschichte geschrieben, die anderen Genres der unterhaltenden Literatur zuzuordnen ist. Welche Schwerpunkte setzen Sie hier und wie sehen Ihre weiteren Pläne für phantastische abenteuerliche Geschichten oder oder anderes aus? Sind hier Überraschungen zu erwarten?

TO: Ich schreibe gern etwas zu dem Thema, das mich gerade besonders berührt. Das kann durch etwas geschehen sein, das ich gerade erneut gelesen habe – wie einen der ‚klassischen Abenteuerromane‘ – einen Film oder auch nur durch ein Gespräch. Dann formt sich ein Gedanke, der zur Story heranwächst – und auf das Papier gebracht werden will. Historische Persönlichkeiten aus der Pionierzeit wie Buffalo Bill oder Wild Bill Hickok faszinierten mich stets und forderten mich geradezu heraus, Geschichten um sie zu schreiben. Aber auch die Zeit Coopers bzw. die Zeit des Unabhängigkeitskrieges habe ich aufgegriffen und eine eigene TB-Reihe dazu verfasst: „Revolution 1776“, in der auch ein Reiseführer zu den von mir aufgesuchten Handlungsplätzen existiert.

KJR: Western oder Abenteuerromane, bilden einen Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Sie schreiben gelegentlich Romane, deren Handlung mehr oder weniger lose miteinander verbunden ist. Ich denke hier an Sir Morgan, der Löwenritter, Pastiches zu Karl May oder Jules Verne und auch die Serie Sündenpfuhl Berlin 1928. Wo sehen Sie die Vorteile solcher Handlungskonzepte?

TO: Da bildet meine Ritterserie um Sir Morgan sicher einen besonderen Schwerpunkt. Sie spielt zur Zeit des 3. Kreuzzuges und ist ein Robin-Hood-Thema, allerdings mit anderen Schauplätzen, überwiegend in Cornwall angesiedelt, das ich sehr mag. Pastiches zu Karl May, Jules Verne oder Conan Doyle wie auch Krimiserien á la Sündenpfuhl oder auch ‚Berlin 1968’ erfüllen als Serien die Wünsche zahlreicher Leser. ‚Sir Morgan‘ wurde zur umfangreichsten deutschen Ritterromanserie mit mehr als 53 Bänden, ebenso ‚Berlin 1968‘ mit 65 veröffentlichten Krimis. Bei diesen umfangreichen Serien lebe ich wie in einem eigenen Kosmos und bemühe mich, die Romanfiguren lebendig zu gestalten. Sir Morgan erlebt z.B. sämtliche Höhen und Tiefen als Mann, der um seine Rechte kämpft und dabei eine Frau an seiner Seite hat, die offenbar über Kräfte verfügt, die kein anderer Mensch besitzt …

KJR: Karl May und Friedrich Gerstäcker können als Ihre Vorbilder angesehen werden. Insbesondere zu Gerstäcker haben sie auch wissenschaftlich gearbeitet und dankenswerterweise in Ihrer Funktion als Vorsitzender der Friedrich Gerstäcker-Gesellschaft viel bewegt. Zudem geben Sie immer wieder unbearbeitete Neuausgaben von Gerstäckers Werken heraus und sorgen so dafür, dass Gerstäcker im öffentlichen Bewusstsein bleibt. - Wo liegen Ihre Vorbilder im Bereich des Western und des abenteuerlichen Romans?

TO: Meine Vorbilder im Western liegen genau bei diesen Autoren. Als ich meine ersten Karl-May-Pastiches schrieb, dachte ich an die Erlebnisse, die Friedrich Gerstäcker gehabt haben könnte. Ich habe mich also bemüht, die May’schen Figuren stets vor einen möglichst realistischen Hintergrund zu stellen.

Meine Romane um Winnetou und Old Shatterhand wie auch mit Halef und Kara ben Nemsi habe ich versucht, so dicht wie möglich an das Original zu bringen, dabei mit dem Wissensstand der heutigen Zeit. Es gibt bei mir äußerst selten eine ‚Quick draw‘-Situation, weil mir das schnelle Ziehen und Schießen mit dem Revolver in dieser frühen Zeit – ab 1840 etwa – einfach zu unwahrscheinlich ist. Ich habe mit zahlreichen Western-Waffen aus dem Bereich der Vorderlader geschossen, vom Colt Paterson über Long Rifles bis schließlich zur klassischen Winchester-Büchse und bemühe mich, meine Erfahrungen glaubwürdig einzubauen. Auch Karl Mays Schilderung, wie der junge Winnetou zu seinem Namen kam, habe ich in ‚Sohn des Apachenhäuptlings‘ aufgegriffen. Übrigens habe ich auch Coopers Helden in einer Trilogie ‚wieder belebt‘…

KJR: Der traditionelle Western wird von Literaturwissenschaftlern auch als eine spezielle Manifestation des amerikanischen Gründungsmythos gesehen (z.B. Peter Bischoff), Ähnliches klingt auch schon bei Frederick Jackson Turner in seiner – inzwischen teils als überholt geltenden Konzeption der Frontier-Hypothese an. Wie stehen Sie zu solchen Äußerungen?

TO: Ich glaube schon, dass an der Frontier-Hypothese etwas ist. Der Amerikaner in den Neu-England-Staaten ist ein vollkommen anderer als der der übrigen Staaten. Ich bin z.B. mit Menschen in Minnesota zum Walmart gefahren und habe für ein nachmittägliches Schießen dort Patronen gekauft. Der Pioniermythos lebt bei ihnen auf den kleinen und großen Farmen, Ranches, Pferdehöfen und wo auch immer. Die Waffen gehören bei ihnen dazu, trotz aller unerfreulichen Gewalttaten mit Waffen, von denen wir immer wieder hören. Viele sehen sich noch immer als Nachfahren der Pioniere, der Besitz von Waffen gehört für sie zum Alltag. Das habe ich übrigens selbst bei Historikern und Forschern in Albany erfahren müssen: Menschen, denen man einen gewissen Bildungsgrad bescheinigt, sagen frei heraus, dass es sich um ihr Land heute handelt, und nicht um das Land der Indianer – die es nicht bebauen konnten. Eine für mich erschreckende Aussage, die bei uns Europäern wohl kaum auf Verständnis trifft.

KJR: Neben traditionellen Western finden wir auf dem Markt Western, die vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwart angesiedelt sind, Western mit Horrorelementen, Adult Western oder Southern (Western, die südlich des Rio Grande spielen), Northern (Handlungsorte: Kanada und Alaska) und selbst in Australien spielende Western. Was halten Sie von solchen Randerscheinungen des Genres und schreiben Sie selbst so etwas?

TO: Das ist nun so gar nicht mein Thema, und ich kann mir auch nicht vorstellen, in diesem Bereich eine Geschichte anzusiedeln.

KJR: Immer wieder wird z.B. im Internet oder an anderer Stelle eine Krise des Western und der Abenteuerliteratur bzw. ein fehlendes Publikumsinteresse beklagt. Wie schätzen Sie die derzeitige Marktlage ein, und welche Ratschläge würden Sie einer/einem jungen Kollegin/Kollegen geben, der sich dem Schreiben von Western widmen möchte?

TO: Eine Krise dieser Art kann man wohl kaum leugnen, auch wenn es immer wieder neue Filme gibt, die auf eigene Weise überraschen wie z.B. Tarantinos ‚The Hateful Eight‘ u.a. Meine Empfehlung für junge Western-Autoren: Schreibt authentisch und nicht wie zu Zeiten der großen Leihbücher und Heftromane. Das Genre muss nicht neu erfunden werden, aber lebendig dargestellt werden. Glaubwürdige Helden, die auch mal scheitern dürfen, an ihre Grenzen kommen. Ich glaube, der heutige Leser möchte Geschichten lesen, die glaubwürdig sind. In Zeiten von Smartphones, künstlicher Intelligenz und Computerspielen, die scheinbar in die Realität überschwappen, ist der Western für mich so etwas wie eine Fluchtinsel, in der die Welt zwar wild und ungeordnet, aber doch halbwegs überschaubar ist. Ein Mann kann sich noch bewähren und – durchsetzen.

KJR: Ihre Western erscheinen zumeist als Paperbacks und Ebooks, teils auch in Hardcoverausgaben, andere Texte wurden z.B. im Magazin für Abenteuer-, Reise- und Unterhaltungsliteratur veröffentlicht oder erschienen als Romanhefte. Für Sammler sind Ebooks einfach nur katastrophal, man erwirbt bloß ein Nutzungsrecht und darf diese Dateien nicht besitzen und erst recht nicht weiterverkaufen. Dieser unhaltbare Zustand sollte m. E. Schnellstens beendet werden. Liebevoll gemachte Paperbacks oder Hardcover sind hier etwas ganz anderes. Hinzu kommt, dass ‚billig‘ gemachte Paperbacks so manches Kleinverlags oder Print-on-Demand-Systems oft weder ästhetisch (Design, Layout) noch inhaltlich überzeugen können. - Das bringt mich zum Thema der Veröffentlichungsformen. Wo sehen Sie hier die besten Marktchancen? Welche Veröffentlichungsformen bevorzugen Sie?

TO: Als buchstäblich alter Buchhändler und Verleger liebe ich nach wie vor das gedruckte Buch. Aber der Markt ist schnelllebig geworden und verlangt nach eBooks. Ich bin immer wieder überrascht, in welchen Mengen eBooks heruntergeladen werden. An einem Wochenende, an dem ein neuer Krimi von mir erschien, wurden mehr als 360 eBooks heruntergeladen – aber keine 50 Print-Ausgaben gekauft. Das ist allerdings immer relativ zu sehen. Mein neuer Braunschweig-Krimi, im Januar erschienen, verkauft sich vor Ort nach wie vor als Taschenbuch und als Hardcover-Ausgabe besser als das eBook – aber das liegt an meiner Präsenz vor Ort, wo ich mehrfach daraus lese.

KJR: Stichwort nicht fiktionale Texte: Sie haben populärwissenschaftliche Biographien zu Charles Sealsfield, Friedrich Gerstäcker, Karl May und Jules Verne geschrieben, dazu so manchen Essay, Zeitschriften zur Amerikanistik und zur Unterhaltungsliteratur sowie die Buchreihe Texte zur Heftromangeschichte herausgegeben Wie schätzen Sie heute die Chancen für solche speziellen Projekte ein?

TO: Die beiden Zeitschriften – „Magazin für Abenteuer-, Reise- und Unterhaltungsliteratur“ sowie das später an meinen Freund Dietmar Kügler abgegebene „Magazin für Amerikanistik“ haben m.E. heute nur noch eine Chance als Online-Ausgabe. Nach dem Tod Dietmar Küglers fehlt dem Magazin der Motor. Im überschaubaren Abonnentenkreis mag es noch Chancen geben, aber mit nur sehr bescheidenen Verdienstmöglichkeiten. Online bieten sich da ganz andere Chancen, die aber m.E. sehr zeitaufwändig sind. Ich arbeite derzeit in einer Online-Redaktion und erlebe dabei, wie dieses Medium begeisterte Leser findet. Der Markt ist überschaubar für solche ‚Fanzines‘, das gilt sicher auch für die ‚Texte zur Heftromangeschichte‘, von denen ich einige Bände wieder als gedruckte Version aufgelegt habe.

KJR: Thomas Ostwald hat im Lauf der Jahre so manches Pseudonym genutzt. Können Sie uns einige nennen und warum und wann haben Sie überhaupt Decknamen benutzt?

TO: Sehr häufig veröffentliche ich unter Tomos Forrest, das ist entstanden durch die in Cornwall spielende Ritterserie ‚Sir Morgan‘. Bei den Jules-Verne-Pastiches fand ich es reizvoll, als grantiger Harpunier Ned Land aus dem Nähkästchen zu plaudern, während neue Sherlock-Holmes-Werke von einem Verwandten des weiland Doktor Watson erschienen.

KJR: Wie lebt ein Autor unterhaltender Belletristik? Ein wenig Homestory interessiert immer.

TO: Zumeist sitze ich ab 9.00 Uhr am PC und schreibe. Dabei wechselt das Genre häufig, es gibt kein festes Arbeitsschema – ich schreibe, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Häufig bin ich dann in den Nachmittag- oder Abendstunden zu Stadtführungen unterwegs oder – und das nun schon seit 40 Jahren – bei den Schlaraffen, einem Männerbund, der vor rund 160 Jahren einst in Prag von Künstlern gegründet wurde.

KJR: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft – privat und als Autor?

TO: Da steht - ganz „uneigennützig“- der Wunsch nach Gesundheit an oberer Stelle und damit natürlich verbunden das weitere Schaffen im schriftlichen Bereich. Mir fallen noch immer Geschichten ein und ich hoffe, dass sie auch noch lange Zeit meinen Lesern gefallen!

Ich danke für die bereitwillige Beantwortung meiner teils indiskreten Fragen!


Bei COSA##.### stellen wir einzelne Medien vor. Die Auswahl folgt einem Zufallsprinzip. Gerne sind Gastbeiträge möglich.